Publications

April 2012 | Unternehmerzeitung | Download Interview

«Leidenschaftlich gerne Unternehmerin»

10 Fragen an Carolina Müller-Möhl

© 2012 «Unternehmerzeitung»

March 2012 | Aargauer Zeitung | Download Speech

«Frauenquote: Chefinnen sind sich uneinig»

Zur Debatte: In der Schweiz sind nur vier von 115 CEOs Frauen. Doch selbst Wirtschaftsfrauen versprechen sich wenig von einer Quotenregelung.

© 2012 «Aargauer Zeitung»

December 2011 | Sonntagsblick Magazin | Download Speech

«Keine Frauenkarrieren ohne Karrierefrauen»

Bei der Diskussion um die zunehmende Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte in die Schweiz wird ein Aspekt konsequent verschwiegen: Das Potenzial von gut und teuer ausgebildeten Frauen.

© 2011 «Sonntagsblick Magazin»

July 2011 | Handelsblatt | Download Interview

«Du kannst alles verlieren, (...) nur nicht das, was Du im Kopf hast.»

Sie gilt als eine der reichsten Schweizerinnen, doch das reicht ihr nicht. Carolina Müller-Möhl engagiert sich seit Jahren für das Thema Bildung.

© 2011 «Handelsblatt»

July 2011 | Credit Suisse Salon Member Brochure | Download Interview

«What emotions do you feel on returning to Zurich?»

Zurich is a renowned financial center and consistently tops international rankings for quality of life. Interview with Carolina Müller-Möhl.

© 2011 «Credit Suisse Salon Member Brochure»

May 2011 | Women in Business | Download Interview

«Discover Potentials»

Das Thema des Swiss Economic Forum 2011 war der Anlass, ein ausführliches Gespräch mit Carolina Müller-Möhl zu führen.

© 2011 «Women in Business»

May 2011 | Wirtschaftsmagazin | Download Column

«Hand in Hand mit dem Kernbusiness»

Das Wahrnehmen sozialer Verantwortung wird für Unternehmer zunehmend zur strategischen Entscheidung.

© 2011 «Wirtschaftsmagazin»

March 2011 | Bilanz | Download Column

«Digital - alles, immer überall?»

Soziale Netzwerke sind nicht nur ein Segen. Umso wichtiger ist es, dass wir mit Facebook und Co. verantwortungsvoll umgehen.

© 2011 «Bilanz»

January 2011 | SonntagsZeitung | Download Speech

«Die Angst vor einer globalen Inflation»

WEF 2011: Die weltweite Teuerung war eines der grossen Themen.

© 2011 «SonntagsZeitung»

January 2011 | SonntagsBlick | Download Speech

«Macht nur keine Schulden»

Statt über Staatsverschuldung zu reden wie am WEF, klären die Young Global Leaders Davoser Schüler über Geld und Unternehmertum auf - mit Prominenz.

CLAUDIA GNEHM (TEXT) / ADRIAN BRETSCHER (FOTOS)

Punkt 8 Uhr am Freitagmorgen ruft ein tiefer Glockenklang die Mädchen und Jungs in den Saal. Für rund 300 Schüler der Alpinen Mittelschule Davos steht eine ganz spezielle Schulstunde auf dem Programm. Angekündigt sind die Young Global Leaders des WEF. Es ist der einzige direkte Kontakt der Schüler zum Gipfeltreffen der Konzernschefs. «Wir haben sonst ja nur das Chaos des WEF. Hier werden wir für einmal nach unserer Meinung gefragt», freut sich Kim von der zweiten Oberstufe.
Organisatorin und Young Global Leder Carolina Müller-Möhl (42), Chefin der gleichnamigen Investmentfirma, erntet von den noch leicht verschlafenen Gesichtern schnell erste Lacher. Sie dankt Uhrenunternehmer Jean-Claude Biver (62) mit einer Verbeugung dafür, dass er für die Schule so früh aufgestanden ist.
Der quirlige Unternehmer weckt die Schüler mit seinem frechen Referat: «Ich wäre lieber an Ihrer Stelle. Sie gestalten die Zukunft der Welt.» 72 Prozent der anwesenden Schüler haben in einer vorgängigen Umfrage angegeben, sie könnten sich vorstellen, ein Unternehmen zu leiten. Noch mehr (86 Prozent) aber finden den Wirtschaftsunterricht zu trocken.
Spätestens als Biver erzählt, wie er Unternehmer wurde, sind alle wach: «Ich hasse Arbeit.» Wer aber seiner Leidenschaft nachgehe, der merke von Arbeit gar nichts. Seine Leidenschaft habe er mit 24 Jahren gefunden - als Uhrenhersteller.
Müller-Möhl erzählt den jungen Zuhörern, auch sie habe das Unternehmertum nicht in trockenen Wirtschaftslektionen gelernt. Für so etwas brauche es Praxis. Also hat sie vor ihrem Auftritt Unternehmer wie den Ergobag-Hersteller Sven-Oliver Pink in die Klassen geschickt. Praktiker wie Pink haben den Davoser Schülern die Grundlagen zu Budget und Preisverhandlungen an konkreten Beispielen gezeigt. Gemeinsam mit Biver macht Müller-Möhl jetzt dem Publikum Mut: «Jeder kann Unternehmer werden.»

Die Schüler fühlen sich schon an einer Wohlfühlveranstaltung, als Müller-Möhl plötzlich und abrupt das Thema wechselt. «Wisst ihr eigentlich, warum wir hier sind?», fragt sie. Und schiebt gleich ernst nach: «Wir sind hier, weil jeder Dritte von euch Schulden hat. Im Schnitt 500 Franken. Macht keine Schulden!» Die Davoser Schüler gucken sich verdutzt an.
Die Nestlé-Verwaltungsrätin selbst hat einen zwölfjährigen Sohn und stösst sich daran, wie sich Schüler heute blitzartig verschulden können - via Handy, Internet und Co. Deshalb engagiert sie sich für das Schulprojekt. «Wir Young Global Leaders können nicht nur reden, sondern müssen auch etwas bewirken.» Ihre YGL-Gruppe zu Unternehmertum und Finanzwissen trifft sich regelmässig und hat schon öfter Schulklassen das kleine Einmaleins des Unternehmertums beigebracht. Kommt das an? Ja, sagt Schulrektor Thomas Flüeler. Ehemalige Schüler hätten die YGL-Veranstaltung als eines ihrer «einprägendsten Schulerlebnisse» bezeichnet.
Um 10 Uhr ist die diesjährige Lektion zu Ende. Schülerin Desirée zieht Bilanz: «Es stimmt - auch die Grossen haben klein angefangen.»

© 2011 «SonntagsBlick»

January 2011 | NZZ Online

«Young Global Leaders - World Economic Forum (WEF)»

Externer Bericht und Video-Link: Learn Money YGL/WEF 2011

© 2011 «NZZ Online»

January 2011 | DIE WELT | Download Speech

«Financial Literacy: Rüstzeug für eine komplexe Welt»

Learn Money: Warum sich solide wirtschaftliche und finanzielle Kenntnisse ein Leben lang bezahlt machen.

© 2011 «DIE WELT»

January 2011 | Roland Berger Magazin think:act | Download Speech

«Was mich antreibt»

Rund 750 junge Führungskräfte aus gut 90 Ländern engagieren sich bei den Young Global Leaders.
English version

© 2011 «Roland Berger Magazin think:act»

January 2011

«Young Global Leaders - World Economic Forum (WEF)»

Externer Video-Link:
Learn Money YGL/WEF 2011: Schulstunde Oekonomische Bildung

Externer Video-Link:
Learn Money YGL/WEF 2011: Statements der Schüler

Externer Video-Link:
Learn Money YGL/WEF 2011: Podium Oekonomische Bildung

January 2011 | Schulblatt des Kantons Zürich | Download Interview

«Die Schulstunden unseres Geschichtslehrers
waren eine Show»

12 Fragen an Carolina Müller-Möhl, Unternehmerin

© 2011 «Schulblatt des Kantons Zürich»

January 2011 | Generation CEO

«Generation CEO»

Externer Video-Link: Generation CEO

© 2011 «Generation CEO»

December 2010 | Bilanz | Download Column

«Das neue Herz von Europa»

Die Gewichte in Weltwirtschaft und Weltpolitik verschieben sich. Die Schweiz ist gut aufgestellt, sollte aber beweglich bleiben.

© 2010 «Bilanz»

November 2010 | Jahrbuch "Generation CEO" | Download Speech

«Gesucht sind Frauen im Management?»

Carolina Müller-Möhl, Beirätin der "Generation CEO", erklärt, warum sie sich aus Überzeugung für die Initiative engagiert.

© 2010 «Jahrbuch "Generation CEO"»

November 2010 | Schilling News | Download Speech

«Darauf sind wir stolz!»

Jede der Topmanagerinnen hat einen ganz eigenen Werdegang. Was sie verbindet, ist eine gute Ausbildung, Durchsetzungsvermögen und Ehrgeiz.

© 2010 «Schilling News»

November 2010 | Schweizer Illustrierte | Download Interview

«Kinder mit Schulden»

Jeder fünfte Jugendliche in der Schweiz hat Schulden. Darum forciert Pro Juventute ihr Präventionsprogramm Kinder-Cash.

© 2010 «Schweizer Illustrierte»

October 2010 | Pro Juventute Schweiz

«Carolina Müller-Möhl zu Pro Juventute Schweiz»

Externer Video-Link: Interview mit Carolina Müller-Möhl

© 2010 «Pro Juventute Schweiz»

October 2010 | Bilanz | Download Column

«Tellenkinder, aufgewacht!»

Der Klamauk um die Bundesratswahlen war Täuschung. Das Interesse an der Politik ist dürftig, die Schweiz braucht mehr politische Bildung.

© 2010 «Bilanz»

September 2010 | TELE TOP

«Einweihung Schlosskapelle Gachnang
vom 29. September 2010»

© 2010 «TELE TOP»

June 2010 | Aargauer Zeitung | Download Interview

«Begabung kennt kein Geschlecht»

Die Unternehmerin Carolina Müller-Möhl über Frauen in Top-Positionen, ihre Anlagestrategie und die NZZ.

© 2010 «Aargauer Zeitung»

June 2010 | Swiss Economic Forum

«Swiss Economic Award 2010»

Externer Video-Link: Swiss Economic Award 2010

© 2010 «Swiss Economic Forum»

June 2010 | Bilanz | Download Column

«Eine Schule für «Millennials»»

Computer in die Schulen? Nein: Schulen in die Computernetze! Die Generation der "Millennials" braucht nur noch eines: Bildung, Bildung, Bildung.

© 2010 «Bilanz»

June 2010 | Handelszeitung | Download Interview

«Anerkennung für das bereits Erreichte»

Zwar lagen 2009 die Hürden für eine Firmengründung in der Schweiz höher als in den Vorjahren. Die Jungunternehmer-Szene hat die Wirtschaftskrise dennoch gut überstanden. Dies das Fazit von Carolina Müller-Möhl, Präsidentin der Jury des Swiss Economic Award.

© 2010 «Handelszeitung»

March 2010 | Handelszeitung | Download Interview

«Wirtschaft muss ein Schulfach werden»

Nachgefragt: Carolina Müller-Möhl, Unternehmerin und Mitinitiantin von "Learn Money", im Gespräch mit Martin Spieler.

© 2010 «Handelszeitung»

March 2010 | Bilanz | Download Column

«Intelligenz trägt Verantwortung»

Weshalb der Stiftungsstandort Schweiz Zukunft hat. Und weshalb er besser gefördert werden sollte.

© 2010 «Bilanz»

March 2010 | Zoo-Journal | Download Interview

«Der Zoo ist Vorbild»

Carolina Müller-Möhl ist Präsidentin der Müller-Möhl Group. Seit 2005 sitzt die Politologin im Stiftungsrat des Zoo Zürich.

Carolina Müller-Möhl, welches Tier besuchen Sie zuerst?
Ich bin Elefantenfan und freue mich, dass die Dickhäuter bald mehr Platz haben. Aber mit Kindern gehts meist zu den Affen. Bei den Gorillas und Orang-Utans gibts so viel zu erleben und zu beobachten.

Haben Sie Kindheitserinnerungen an den Zoo?
Ein Zoobesuch war für mich immer mit grosser Vorfreude verbunden: Ein Nachmittag in der Natur, die vielen Tiere, das Treffen auf andere Kinder und natürlich der geliebte Spielplatz.

Sie sind Stiftungsrätin des Zoo Zürich. Was heisst das?
Der Zoo Zürich ist eine der wichtigsten kulturellen Institutionen der Stadt. Mein Mandat verstehe ich als gesellschaftspolitisches Engagement für die Stadt. Den Zoo sehe ich zudem als Bildungsstätte für Kinder und Jugendliche, was mir sehr am Herzen liegt.

Was lernen Sie im Zoo fürs Leben?
Der Zoo stellt hohe Anforderungen an sich selbst und ist weltweit Vorbild für andere Zoos. Die möglichst naturnahe Gestaltung der Anlagen ist eine Gratwanderung: Einerseits brauchen die Tiere Lebensraum und Rückzugsmöglichkeiten, anderseits wollen die Besucher Unterhaltung. Der Zoo nimmt diese Herausforderung an und stellt sich dem steten Kampf um Besucherzahlen – das bewundere ich. RH

© 2010 «Zoo-Journal»

March 2010 | World Economic Forum Newsletter | Download Interview

«Bereits ein Viertel der Jugendlichen ist heute verschuldet!»

Interview mit der Unternehmerin und Young Global Leader Carolina Müller-Möhl.

© 2010 «World Economic Forum Newsletter»

January 2010 | ph Akzente | Download Interview

«Frühes Lernen ist wichtig»

Mit Carolina Müller-Möhl spricht Prof. Rudolf Isler über das Bildungswesen, die Stiftung Pestalozzianum und Zukunftsvisionen.

Carolina Müller-Möhl, wer sind Sie?
Carolina Müller-Möhl: Ich bin eine berufstätige Mutter, die versucht, ihr gesellschaftspolitisches Engagement und Interesse mit ihrem Beruf und Zeit für ihre Familie zu verbinden.

Sie sind bekannt als Chefin der Müller-Möhl Group. Was macht die Müller-Möhl Group, und was ist Ihre Aufgabe in ihr?
Die Müller Möhl-Group habe ich vor zehn Jahren gegründet, und seither bin ich ihre – sehr aktive – Präsidentin. Wir sind ein «Single Family Office» und beraten die Familie Müller-Möhl im Investment Management Prozess. Unsere Strategie basiert auf dem Grundsatz, in allen Anlagekategorien, in verschiedenen Ländern und Wirschaftszweigen zu investieren. Über diese Diversifikation können wir das Risiko verteilen und einschränken.

Gibt es soziale oder politische Aspekte, die sie dabei berücksichtigen?
Ja absolut. Wir schliessen gewisse Industriezweige komplett aus, zum Beispiel die Waffenproduktion, und investieren nicht in Ländern, die sich politisch nicht korrekt verhalten.

Warum engagieren Sie sich für Bildung?
Bildung ist zentral für jeden einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Und lebenslanges Lernen sollte für jedermann Pflicht sein. Für mich persönlich ist entscheidend, wo ich in Sachen gesellschaftspolitischem Engagement den grössten Hebel ansetzen kann. Klar war von Anfang an, dass ich mich in der Schweiz engagieren will. Ich lebe in der Schweiz, kenne viele Menschen, die politisch Einfluss nehmen können. Wir müssen dem Bildungsstandort Schweiz Sorge tragen. Das hat uns als Land, als Staat erfolgreich gemacht. Ruhm, Schönheit, Geld, Position, können jederzeit abhanden kommen, aber was dir keiner nehmen kann, ist das, was du gelernt hast, pflegte mein Vater immer zu sagen. An diesen Ratschlag halte ich mich heute noch.

Was sind Ihre persönlichen Affinitäten im Bildungsbereich?
Meine persönlichen Affinitäten sind die Volksschule in Kombination mit der Förderung im jungen Alter, also der frühkindlichen Bildung, dort wo alles beginnt. Die Studien die mir zugänglich sind, bestätigen, dass frühes Lernen wichtig ist. Ich sehe es bei mir selber. Ich habe den Montessorikindergarten besucht, war früh in einem Klassenverbund. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass wir nicht den Weg eines Zweiklassensystems gehen. Ich habe enorm profitiert von der Volksschule.

Was bedeutet Ihnen die Stiftung Pestalozzianum?
Die Stiftung Pestalozzianum ist der Ort, an dem ich meine Anliegen betreffend Bildung verfolgen kann. Es ist eines meiner ersten Stiftungsratsmandate. Ich schätze bis heute die Zusammenarbeit im Stiftungsrat, in dem verschiedene Bereiche des Bildungswesens vertreten sind. Diese Kontakte sind bereichernd.

Wo würden Sie in der Arbeit der Stiftung in Zukunft Schwerpunkte setzen?
Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, sich als Stiftung mit anderen Playern zusammen zu schliessen, damit Kapital und Wissen besser genutzt werden kann. Nicht jeder muss das Rad neu erfinden, es ist wichtig Synergien zu nutzen. Mit einer Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen kann man mehr erreichen. Wenn man davon ausgeht, dass das Stiftungskapital in der Schweiz zwischen 40 und 60 Milliarden beträgt, dann könnte man einiges bewegen …

Haben Sie einen Traum für die Zukunft des Schweizer Bildungswesens?
Ich würde mir wünschen, dass wir in der Bildung die absolute Spitzenposition weltweit aber sicherlich europaweit innehmen. Dass wir nicht den letzten Wagen am Zug abgeben, sondern eher im Führerstand der Lokomotive stehen. Ich glaube, dass wir die Kapazität und die Kompetenz dazu haben. Mein Wunsch wäre immer gewesen, eine Studie zur Bildungslandschaft Schweiz zu lancieren. Diese Studie würde aufzeigen, wie man die vorhandenen Mittel optimal einsetzen könnte, die mit 23 Milliarden nicht gerade gering sind. Wo investieren, wo Synergien nutzen, was nicht mehr machen, was vermehrt machen – ein Weissbuch zu Bildungsfragen sozusagen.

© 2010 «ph Akzente»

January 2010 | Young Global Leaders - World Economic Forum (WEF)

«Young Global Leaders - World Economic Forum (WEF)»

Externer Video-Link: Learn Money YGL/WEF 2010

© 2010 «Young Global Leaders - World Economic Forum (WEF)»

January 2010 | Credit-Suisse | Download Interview

«Leadership, Unternehmergeist, Engagement»

Carolina Müller-Möhl: Leadership, Unternehmergeist, Engagement.
Interview: Françoise Birnholz, Women's Forum Schweiz

WF: Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer Arbeit?
Carolina Müller-Möhl: Es bereitet mir Freude, mein eigenes Unternehmen zu leiten. Zudem schätze ich es, dass meine berufliche Verantwortung ein relativ breites Spektrum an Tätigkeiten umfasst, die ich gleichzeitig als anspruchsvoll und als befriedigend empfinde. Erstens leite ich als Präsidentin die Müller-Möhl Group, die als Investment Management Dienstleister für die Familie Müller-Möhl gegründet wurde. Zweitens bin ich Mitglied der Verwaltungsräte von Nestlé und Orascom. Mein drittes berufliches Standbein ist das Engagement für gesellschaftspolitische Fragen mit den Schwerpunkten Bildung und Gender Diversity.

WF: Eine erfolgreiche Frau in einer Männerwelt. Erlebten Sie den Aufstieg bis zu Ihrer heutigen Position als schwierig? Was brauchte es, um dorthin zu kommen?
Carolina Müller-Möhl: Meines Erachtens ist dieser Weg für Frauen tatsächlich steiniger. Viele Studien belegen, dass sie mit Vorurteilen konfrontiert sind und weniger schnell akzeptiert werden als Männer. Das blieb natürlich auch mir nicht erspart. Ein starker Wille, die Fähigkeit, Pläne umzusetzen, und ein Umfeld, das mich unterstützte, haben mir sehr geholfen. Als Kolumnistin und Referentin betone ich häufig, dass Regierungen und Privatunternehmen mehr investieren müssen, damit sich in diesem Bereich etwas ändert. Über 50 % der Weltbevölkerung ist weiblich. Da wäre es doch möglich, dass einige sehr talentierte Frauen dabei sind, die auch dazu beitragen könnten, Lösungen für die vernetzten, komplexen Probleme der heutigen Zeit zu finden.

WF: Welche Ihrer Eigenschaften finden Sie für Ihre Arbeit am hilfreichsten?
Carolina Müller-Möhl: Begeisterungsfähigkeit, lebenslanges Lernen, hohe Ziele, Teamwork und für seine Rechte zu kämpfen. Ich mache meine Arbeit mit Begeisterung. Ausserdem halte ich mich an den Grundsatz «Wer keine Fragen stellt, bleibt dumm». Lebenslanges Lernen hat für mich persönlich einen sehr hohen Stellenwert. Ich habe auch gelernt, dass ein gut funktionierendes Team wesentlich zu einem optimalen Gesamtergebnis beiträgt und in der Regel die besseren Entscheidungen trifft als ein
Einzelkämpfer. Ein gesunder Ehrgeiz und Zielstrebigkeit sorgen dafür, dass sich Einsatz- und Leistungsbereitschaft auszahlen. Schliesslich sollte eine Frau die Stärke haben, ihre Rechte
einzufordern und sich in einer von Männern dominierten Welt Gehör zu verschaffen.

WF: Auf welche Leistung sind Sie am meisten stolz?
Carolina Müller-Möhl: Ich bin stolz, dass es mir gelungen ist, mein Familienleben, meine berufliche Neugierde und mein sozialpolitisches Engagement miteinander zu vereinbaren. Natürlich gibt es auch Dinge, die zu kurz kommen. Ich habe selten das Gefühl, dass mir genügend Zeit für mich selber bleibt. Aber ich schätze es sehr, dass ich das tun kann, was mich begeistert, dass meine Arbeit mich erfüllt und jeder Tag ein interessanter ist.

WF: Was raten Sie jungen Frauen, die eine ähnliche Laufbahn einschlagen möchten?
Carolina Müller-Möhl: Ich bin überzeugt, dass harte Arbeit und Engagement die Voraussetzungen für beruflichen Erfolg sind. Wichtig scheint mir auch, dass Frauen in einem Bereich arbeiten, der sie wirklich interessiert. Dieses Interesse motiviert sie, die Leistung zu bringen, die für den Erfolg entscheidend ist. Man sollte aber nie seine eigenen Grenzen und Schwächen aus den Augen verlieren. Dafür ist eine realistische Selbsteinschätzung wichtig. Zudem müssen sich Frauen bewusst sein, dass eine Karriere auf höchstem Niveau auch Verzicht bedeutet: Frauen in Spitzenpositionen müssen mehr aufgeben als Männer. Die Arbeit lässt nicht viel Raum für Privates.

Interview: Françoise Birnholz, Women’s Forum Schweiz

© 2010 «Credit-Suisse»

December 2009 | Tages-Anzeiger | Download Interview

«Heute habe ich selten schlaflose Nächte»

Bald zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes zieht Carolina Müller-Möhl eine positive Bilanz als Investorin - als berufstätige Mutter aber sieht sie für Frauen noch viele Hürden.
Interview: Judith Wittwer

Frau Müller-Möhl, wir sitzen hier in Ihrem Besprechungszimmer vor einer Fotografie, die eine Hausfrau am gedeckten Tisch zeigt. Warum hängen Sie so ein Bild auf?
Ich habe den amerikanischen Künstler Gregory Crewdson vor fünf Jahren an der Art Basel entdeckt und besitze mittlerweile mehrere Fotografien von ihm. Ein spannender Künstler.

Ich suche nach Parallelen zwischen der Frau auf dem Bild und Ihnen.
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Beim Erwerb eines Bildes ist für mich der Künstler beziehungsweise sein Kunstwerk zentral und nicht der Bezug zu mir. Crewdsons Werke erzählen surreale Geschichten aus dem amerikanischen Vorstadtleben. Die Bilder erinnern an Szenen aus Filmen von Alfred Hitchcock, David Lynch oder Steven Spielberg. Das finde ich interessant.

Seit dem Jahr 2000 tragen Sie die Verantwortung für ein Millionenvermögen. Was für eine Bilanz ziehen Sie nach zehn Jahren Müller- Möhl Group?
Die ersten Jahre nach dem Tod meines Mannes im Jahre 2000 waren nicht einfach. Nach dem Platzen der Internetblase trafen wir auf ein schwieriges Marktumfeld. Zudem verfügten wir über ein äusserst risikobehaftetes Portfolio. Wir haben aus dieser Krise gelernt und während der letzten zehn Jahre – unter anderem – unser Risikoprofil massiv reduziert. Mein Fazit ist deshalb sehr positiv.

Welches sind aktuell Ihre grössten Investitionen?
Wir halten keine dominierenden Einzelinvestitionen mehr. Wir setzen auf ein breit diversifiziertes Portfolio mit allen Anlageklassen von Aktien, Obligationen oder Immobilien et cetera bis zu Mikroversicherungen. Wir investieren in verschiedenste Industrien und Märkte. Grösstes Gewicht haben bei uns zurzeit und seit Mitte 2007 allerdings Cash und Staatsanleihen.

Die Finanzkrise wird wohl trotzdem Schäden hinterlassen haben.
Einzelne Positionen haben schon gelitten, aber dank unserem konservativen Portfolio haben wir den Sturm insgesamt ohne Schäden wohlbehalten überstanden.

Dann bleibt Ihr Vermögen bei den 600 bis 700 Millionen, wie die Zeitschrift «Bilanz» schätzt?
Ich hoffe auf Ihr Verständnis, dass ich dazu keine Stellung nehmen möchte.

Empfinden Sie es zuweilen als Last, so viel Geld zu managen?
Natürlich spüre ich die Verantwortung. Ich habe auch Respekt vor der Aufgabe. Gerade die kommenden Monate werden sehr anspruchsvoll sein. Die wirtschaftliche Lage ist noch sehr labil.

Raubt Ihnen das den Schlaf?
Heute habe ich selten schlaflose Nächte. Ich bin umgeben von einem sensationellen Team und einem guten Kreis von Beratern, die mir gegenüber sehr loyal sind. Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren glücklicherweise mehrheitlich richtige Entscheidungen gefällt.

Würde Ihr verstorbener Mann seine Frau heute wiedererkennen?
Sicher! Ich bin ja nicht zu einem anderen Menschen mutiert wie beispielsweise der Handelsreisende Gregor Samsa in Franz Kafkas Erzählung «Die Verwandlung». Hoffentlich bin ich getreu meinem Credo vom lebenslangen Lernen aber auch gereift. Es wäre ja schade, wenn ich nur älter, aber nicht reifer geworden wäre.

Heute sind Sie eine der mächtigsten Wirtschaftsfrauen der Schweiz. Spüren Sie das?
Ich denke nicht, dass ich auf irgendjemanden oder über irgendetwas Macht ausübe. Meine Position als Investorin erlaubt mir aber, durch mein Netzwerk unternehmerisches Handeln und gesellschaftspolitisches Engagement zu verbinden. So ist mir etwa die Bildungspolitik in unserem Land ein grosses Anliegen. Bildung ist die Ressource der Schweiz. Ihr müssen wir Sorge tragen. Dafür engagiere ich mich.

Seit sechs Jahren sitzen Sie auch bei Nestlé im Verwaltungsrat. Wie oft mussten Sie Präsident Peter Brabeck schon widersprechen?
Wir sind als Verwaltungsratsgremium kein Streitgremium, sondern ein Diskussionsgremium. An dieser Diskussion beteilige ich mich wie meine Kollegen selbstverständlich auch.

Sehen Sie sich als attraktive, junge und erfolgreiche Frau noch immer mit Vorurteilen konfrontiert?
Nach zehn Jahren müsste das den Urteilenden doch langweilig sein. Ansonsten muss gelten: You can’t be everyone’s friend.

Erstmals regieren 2010 drei Frauen die Schweiz: Bundesrätin Doris Leuthard, Nationalrätin Pascale Bruderer und Ständerätin Erika Forster.
Das freut mich, und ich gratuliere allen zu ihrer Wahl. Sie sind ein Vorbild für die junge Generation. Dennoch werden Frauen auch heute noch nicht mit gleichen Ellen gemessen wie ihre männlichen Kollegen. Das zeigen übrigens auch unzählige Studien.

Was ist zu tun?
Im Zentrum steht nicht die Frauenförderung per se. Unsere Gesellschaft braucht bessere Rahmenbedingungen.

Was verstehen Sie darunter?
Erstens braucht es bessere politische Leitplanken. Professorin Monika Bütler hat in einem lesenswerten Aufsatz über unsere Krippensubventionierung gezeigt, dass es sich für Frauen ab dem
zweiten Kind nicht mehr lohnt, zu arbeiten. Zweitverdienende müssten also zum Beispiel steuerlich entlastet werden. Zweitens braucht es ein Umdenken in der Gesellschaft. So lange wir in der Schule nach wie vor Unterrichtsmaterial haben, das das klassische Familienbild widerspiegelt, werden Mädchen nicht gerade ermuntert, später zu arbeiten. Drittens müssen die Firmen endlich Strukturen bieten, die Frau und Mann eine Familie neben dem Beruf ermöglichen. Dazu gehören interne Kinderkrippen, flexible Arbeitszeiten oder Wiedereinstiegsprogramme nach längeren Abwesenheiten. Und schliesslich müssen auch wir Frauen unseren Beitrag leisten.

Warum engagieren Sie sich nicht in der Politik für diesen Wandel?
Mit meinem Entscheid, die Müller-Möhl Group weiterzuführen, ist die Frage nach einem politischen Mandat in den Hintergrund gerückt. Ich bin aber ein politisch denkender Mensch und engagiere mich unter anderem als Kolumnistin, über meine Stiftungsmandate und teilweise direkt in Abstimmungskampagnen für unser Bildungssystem, Genderfragen oder etwa auch für Jungunternehmen.

Wie gehen Sie mit der doppelten Belastung Beruf und Familie um?
Es wäre gelogen, zu sagen, dass man alles locker unter einen Hut bringt. Da gibt es Sonntage, die mit Arbeit draufgehen, oder Abende, die man bis Mitternacht vor dem PC sitzt. Dank einer super Infrastruktur bin ich aber sicherlich flexibler als andere berufstätige Frauen und kann mir immer wieder Zeit freischaufeln, beispielsweise für wunderbare Sohn-Mutter-Ferien.

Wo machen Sie Abstriche?
(lacht) Bei der Maniküre.

Ach ja?
Natürlich würde ich gerne mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen und mehr Sport machen. Oder das tolle kulturelle Angebot in Zürich nutzen. Und mehr Lese-Ruhe hätte ich auch gerne. Auf meinem Nachttisch stapeln sich die Bücher – darunter ein Buch von Zukunftsforscher Matthias Horx. Wie er mir bei seinem Vortrag an der Universität Zürich aber sagte, ist es mehr ein Nachschlagewerk – also eben nicht das, was man um Mitternacht noch aufschlägt.

Sie haben gerne Mode. Lassen Sie sich deshalb hin und wieder für ein Fotoshooting gewinnen?
Hin und wieder. Genau zweimal habe ich in den letzten zehn Jahren bei einem solchen Shooting mitgemacht. Beide Male waren es Erstausgaben für Frauen-Business-Magazine.

Sind solche Auftritte nicht heikel?
Wieso? Die Wirtschaftsführer lassen sich mit ihrer Harley oder beim Klettern ablichten und die Politikerinnen beim Wandern. Ich habe Spass an Mode. So einfach ist das.

© 2009 «Tages-Anzeiger»

December 2009 | Bilanz | Download Column

«Kreative Nachhaltigkeit»

Wer nachhaltig investiert, fördert auch die Kreativität. Und lässt so die Krise gelassen hinter sich.

Zwar ist die Krise noch nicht endgültig überwunden, aber die Silberstreifen am Horizont lassen uns für die bevorstehende Advents- und Weihnachtszeit wieder etwas aufatmen. Trotzdem sollte nicht vergessen gehen, dass die kommenden Jahre schwierig werden könnten.

Vorerst gibt es kein Zurück zu ungetrübten Boomzeiten. Doch ist dies aus meiner Sicht gar kein Schaden. Im Gegenteil: Bremsende Faktoren in der Wirtschaft sind das Zeichen dafür, dass die Ressourcen nicht unerschöpfl ich sind. Und dass Erfolg in der Wirtschaft von der Kunst abhängt, mit dieser Knappheit umzugehen. Genau deshalb war Unternehmertum schon immer auch eine Frage der Kreativität.

Kreativität lebt dort, wo Regulierung nicht alles bestimmt. Sie lebt dort, wo Probleme einer Lösung harren. Und sie blüht auf, wenn persönliche und gesellschaftliche Werte uns zum Handeln antreiben. Das ist in Branchen wie Cleantech der Fall, wo die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie einen Boom verursacht hat.

Das gilt aber auch andernorts: in Nischen der Gesellschaft nämlich, wo sich Menschen nach Schicksalsschlägen neu erfi nden müssen, oder auch in Regionen, wo das tägliche Überleben mit kargen Mitteln eine schwierige Aufgabe ist. Wer hier in kreativer Weise Werte schafft, ist ein Social Entrepreneur. In seinem Buch «Die Welt verändern» hat der New Yorker Publizist David Bornstein solche Persönlichkeiten aus aller Welt in eindrücklicher Weise vorgestellt.

Bornstein ist auf eine entscheidende Erkenntnis gestossen: Wegen globaler gesellschaftlicher Probleme sind unternehmerische Qualitäten unabdingbarer denn je. So stammen spektakuläre Projekte zur Elektrifi zierung riesiger Landstriche, zu Reformen des Gesundheits- und Bildungswesen von Social Entrepreneurs. Sie brechen aus fest gefahrenen Systemen aus, um Probleme dauerhaft zu lösen, und schaffen gerade deswegen wirtschaftliche Werte. Dazu braucht es nicht nur innovative Ideen, eisernen Durchhaltewillen und Weitsicht. Auch die banale Erkenntnis gehört dazu, dass es sinnvoll ist, Ressourcen von Bereichen mit geringerer in solche mit höherer Produktivität zu verlagern.

Wer sich nach neuen Perspektiven umschauen will, wird sich auf solche Ansätze besinnen. Die Investition in Nachhaltigkeitfonds ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Mikrofi nanz-Instrumente verwandeln die Kreativität von Kleinstunternehmern in armen Ländern in einen wertschöpfenden Faktor. Welches Potenzial für Social Entrepreneurs auch in der Schweiz vorhanden ist, zeigt die Ernennung zum dies jährigen Social Entrepreneur der Schwab Foundation. Das auch hierzulande wachsende Netzwerk der Ashoka- Fellows ist ein weiterer Beleg dafür.

Wie langfristig müssen Engagements in Nachhaltigkeit und mikrofi nanzierte Entrepreneurship angelegt sein? Wie kurzfristig kann mit einem Return gerechnet werden? Muss, soll und darf ein solcher Return überhaupt erwartet werden? Diese Fragen sind berechtigt. Und die Antwort darauf ist einfach: Investoren liegen mit diversifi zierten Strategien am besten. Wer investiert, partizipiert an Erfolgsgeschichten der Zukunft. Dabei wird er einerseits den Erfolg spüren wollen, ihn anderseits aber auch mit langem Atem zu fördern wissen.

Wer jetzt begreift, dass sich Kreativität, Nachhaltigkeit und Wertschöpfung nicht ausschliessen, kann sich gelassen von der Krise abwenden – und Kurs auf die Zukunft nehmen.

© 2009 «Bilanz»

September 2009 | Wirtschafts-Magazin | Download Interview

«Die Vorbildrolle ist ganz zentral»

Die Vorbildrolle ist ganz zentral. Die Gesprächsteilnehmer betonen auf der Basis ihrer reichhaltigen Erfahrungen im Rahmen des Swiss Economic Forum die Notwendigkeit der Vorbildfunktion in der Führung. Sie weisen aber ergänzend auf interessante Beobachtungen zu diesem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln hin.

Im Rahmen des Swiss Economic Forum und weiteren Tätigkeiten haben Sie mit zahlreichen Firmen und Persönlichkeiten zu tun. Dabei sehen Sie sicher auch positive Vorbilder in der Führung. Welche Eigenschaften gehören Ihrer Ansicht nach dazu?

Stefan Linder: Aus meiner Sicht ist am Wichtigsten, dass eine derartige Person authentisch ist. Das was sie sagt, muss sie auch so machen. Dann gehört dazu, dass sie ein Profil hat. Ein Vorbild muss durch die Basis wahrgenommen und eingeschätzt werden können. Eine zentrale Eigenschaft dafür ist Verlässlichkeit. Wenn ich an die über 700 Referenten in der Geschichte unseres Forums denke, dann war Glaubwürdigkeit die entscheidende Eigenschaft in der Wahrnehmung. Es braucht sicher auch eine innere Klarheit, das Wissen um die eigenen Stärken und Werte, und klare Ziele. Das führt zu einer positiven Ausstrahlung, wie sie für eine Person, die unsicher und stark mit sich selber beschäftigt ist, nicht möglich ist. Zu einem Vorbild gehört auch, dass es frei von Skandalen ist. Denn es verkörpert ja Werte und lebt sie widerspruchsfrei vor.

Carolina Müller-Möhl: Nicht unwichtig scheint mir auch die Frage, wer der Betrachter ist, der beurteilt ob die Führungsperson ein Vorbild ist oder nicht. Ist es der Mitarbeitende, der Medienkonsument oder der Kunde ? Was weiss der Betrachter über die zu beurteilende Führungspersönlichkeit und woher hat er diese Informationen. Über eine persönliche Begegnung, Zusammenarbeit oder aus den Medien ? Die Urteile können verschieden ausfallen. Grundsätzlich gilt für mich, wenn eine Führungsperson im Sinne eines Vorbildes langfristig überzeugen will, sind Authentizität und Charisma wichtig. Wobei Charisma nicht mit Schaumschlägerei zu verwechseln ist. Weitere für mich wünschenswerte Eigenschaften wären Integrität und eine hohe persönliche Ethik.

Peter Stähli: Aus meiner Erfahrung ist eine hohe Sozialkompetenz und die Fähigkeit zum Teamplayer sehr wichtig, dies gilt unabhängig von der Branche oder dem Lebenszyklus eines Unternehmens. Hier noch ein Gedanke zum Thema Charisma. Es gibt immer wieder Persönlichkeiten, die betreten einen Raum und füllen ihn aus. Andere an sich wichtige Funktionsträger werden gar nicht wahrgenommen. Der Unterschied liegt meiner Ansicht nach bei der persönlichen Ausstrahlung. Diese Personen sind meistens sehr ausgeglichen, fest verankert und strahlen Ruhe und Klarheit aus. Sie haben eine Vision, ein Ziel und können überzeugen. Und dann haben sie eine gewisse Lebenserfahrung. Charisma ist schwierig zu beschreiben, man spürt es vielmehr.

Welchen Stellenwert hat für Sie persönlich die Vorbildrolle in der Führung?

Peter Stähli: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Integrität sind zentrale Elemente der Führung. Und somit ist auch die Vorbildrolle als Summe dieser und weiterer Eigenschaften entscheidend. Gerade in schwierigen Zeiten braucht es das in besonderem Masse.

Stefan Linder: Die ist für mich ganz zentral. Ohne Vorbildrolle kann man eine Firma gar nicht weiterentwickeln. Eine Firma basiert ja auch auf Werten. Als Führungsperson muss ich diese vorleben. Sonst kann man nicht die richtigen Mitarbeiter nachhaltig um sich scharen und wird die angestrebten Ziele nicht erreichen können. Vorbild kann man nicht nur tagsüber im Unternehmen sein. Man ist es generell, oder eben nicht. Authentizität ist der zentrale Faktor.

Carolina Müller - Möhl: Die Frage ist, wo und für was soll die Führungsperson Vorbild sein. In Sachen Arbeitsmoral, als Teamplayer oder eher als Big Boss, als Hüter der Werte etc ? Ist die Führungsperson Inhaber, Leiter eines Ventures oder aber eines börsenkotierten Grosskonzerns? Führungsstile – und welche gefragt sind – unterscheiden sich je nach Unternehmen und Firmenkultur. Da ist leider nicht immer Authentizität und Ehrlichkeit gefragt. Vorbilder sind aber für mich nur diejenigen Führungspersönlichkeiten, welche über die genannten Charaktereigenschaften verfügen.

Erachten Sie für die Wahrnehmung von Vorbildern Symbole oder Symbolhandlungen als hilfreich oder sogar notwendig?

Peter Stähli: Symbolhandlungen sind aus meiner Sicht schon zentral, wenn man sie auf ein Team hin orientiert. Wenn wir jetzt die Überreichung des Swiss Economic Award als Beispiel nehmen, so ist das ein besonderer Moment für die Preisträger. Es ist eine Auszeichnung für herausragende unternehmerische Leistung. Der Preis ist das Symbol, um das Team um sich zu scharen und gemeinsam auf das Erreichte stolz zu sein. Es ist auch Gelegenheit für den Chef, danke zu sagen.

Carolina Müller - Möhl: Symbole sind wichtig, aber nur dann, wenn sie echt sind. Es darf sich auf keinen Fall um institutionalisierte Hüllen handeln. Man muss sie immer wieder mit aktuellen Inhalten füllen.

Stefan Linder: Jedes Unternehmen und jede Führungspersönlichkeit haben Phasen, wo man mit dem Team durch einen Sturm hindurch muss. Da ist es wichtig, bei entscheidenden Etappen die Mannschaft zusammenzunehmen, um ihre Motivation und den Zusammenhalt durch ein auf die jeweilige Situation angepasstes Symbol zu stärken.

Die modernen Kommunikationsinstrumente und medialen Plattformen spielen eine grosse Rolle bei der Darstellung und Wahrnehmung von Führungspersonen. Immer wichtiger wird neben dem Inhalt einer Botschaft deren Überbringer. Welche Chancen und Gefahren sehen Sie daraus für die Spitzen eines Unternehmens, besonders auch in Krisensituationen?

Carolina Müller - Möhl: Im Gegensatz etwa zum Showbusiness ist in der Wirtschaft eine nachhaltige und glaubwürdige Kommunikation zentral. Gerade in Krisenzeiten ist es aber nicht immer möglich, transparent und zeitnah zu kommunizieren. Verträge oder andere rechtliche Einschränkungen sind oft Gründe hierfür. Genau da kommt die Persönlichkeit bzw. deren positive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zum Tragen. Patentrezepte gibt es keine. Schon manche etablierte Führungsperson ist in Krisenzeiten gescheitert, weil die schwierigen Rahmenbedingungen für einen Einzelnen nicht überwindbar waren.

Peter Stähli: Ich glaube, dass man einen Menschen erst im direkten Kontakt richtig kennen und einschätzen kann. Dazu braucht es eine minimale Zeit und nicht nur eine Momentaufnahme. Das Beurteilen auf Basis von Medienberichten allein halte ich für gefährlich. Es ist daher für Leute an der Spitze wichtig, trotz knapper Zeit und elektronischen Medienmöglichkeiten die direkte und persönliche Kommunikation zu den entscheidenden Bezugsgruppen so oft wie möglich zu suchen. Wenn ein Chef aus bestimmten Gründen im medialen Mittelpunkt stehen muss, ob über kürzere oder längere Zeit, dann ist eine seiner ganz wichtigen Eigenschaften die persönliche Bescheidenheit. Auch in Phasen grossen Erfolges sind Gefahr und Versuchung zur medialen Überhitzung gross. Einmal kommt jeder wieder auf den Boden zurück.

Stefan Linder: Man muss klar sehen, dass Führungspersonen in der Wirtschaft eine ganz bestimmte Rolle spielen müssen, sei es zum Beispiel als CEO oder als Verwaltungsratspräsident. Die Spitzen eines Unternehmens sind in schwierigen Situationen besonders gefordert und aufgerufen, persönlich zu kommunizieren. Man wird aufmerksam beobachtet von den Aktionären, vom Verwaltungsrat und natürlich von den Medien. Allen muss man genügen, insbesondere bei öffentlichen Auftritten und in der Krise. Mit diesem Erwartungsdruck muss man umgehen können. Vorbilder haben es hier leichter, da sie nicht sich selber, sondern die Sache und die eigene Überzeugung in den Mittelpunkt stellen. Das hat wiederum mit Glaubwürdigkeit zu tun. Sie fühlen und merken, wann sie persönlich im Sinne einer Integrationsfigur auftreten müssen und wann sie wieder delegieren können. Für sie besteht keine Gefahr, in einen Kult um ihre Person abzugleiten.

Sehen Sie konkrete Möglichkeiten für Veranstaltungen, wie sie zum Beispiel das SEF durchführt, positive Impulse zum Thema Vorbild und Führung an die Unternehmer zu vermitteln?

Carolina Müller - Möhl: Ja natürlich. Die Vermittlung von positiven Impulsen ist ja die Idee des Forums. Allerdings muss ich anmerken, dass nicht jeder gute Unternehmer auch ein guter Redner ist. Besucher des Forums können vom rhetorischen Auftritt einer kompetenten Führungsperson daher auch einmal enttäuscht werden.

Stefan Linder: Die Chance der Teilnehmer, positive Impulse aufzunehmen, liegt einmal darin, dass sie hier Menschen begegnen können, die sie sonst nicht ohne weiteres treffen würden. Wir bieten eine Plattform, um branchenübergreifend auch persönliche Kontakte einfach und spontan knüpfen zu können. Dann gibt es immer wieder Impulse aus ganz anderen Bereichen als der Wirtschaft, weil wir bewusst auch Referenten ausserhalb des Mainstreams einladen. Das kann zum Beispiel ein bekannter Dirigent sein.

Peter Stähli: In Ergänzung zum Forum haben wir noch weitere Plattformen, wie zum Beispiel unser Netzwerk der Powerpreneure. Durch regelmässige Kontakte und gemeinsame Erlebnisse ist es hier noch besser möglich, Impulse aufzufangen und auszutauschen. Im weiteren hat die Thematik der Nachwuchsförderung in der Wirtschaft bei uns einen grossen Stellenwert. Wir versuchen, junge Leute für das Unternehmertum durch unseren Jungunternehmerpreis zu motivieren. Die Impulse daraus sollen zeigen, dass Unternehmer sein etwas Positives ist. Dann widmen wir uns den jungen Leuten auch im Swiss Talent Forum.

Sehen Sie Unterschiede bei Männern und Frauen betreffend Führen durch Vorbild, und zwar als Führende und in der Wahrnehmung als Geführte?

Carolina Müller - Möhl: Klar gibt es da Unterschiede, auch je nach Betrachter sind sie unterschiedlich. Eine Frau wird anders wahrgenommen als ein Mann, eine alte Person anders als eine junge, ein Asiat anders als ein Europäer etc. Doch – nach dem Vorurteil – sollten die genannten Wertehaltungen eines Vorbildes zum Tragen kommen. Was Unterschiede in der Führung angeht, hat McKinsey kürzlich eine Studie publiziert : Die Ergebnisse sagen, dass Frauen in führenden Positionen realistischer in ihren Erwartungen sind, dass sie ihre Ziele exakter definieren als Männer und mit geeigneteren Mitteln motivieren, wie auch stark dem Teamgeist verpflichtet sind.

Sie haben auch Kontakt zu jungen Talenten. Welche Bedeutung haben Vorbilder für diese jungen Leute und oft potenziellen Führungskräfte? Konnten Sie in den letzten Jahren Verschiebungen in den Wertvorstellungen feststellen?

Stefan Linder: Heute sind die Jugendlichen kritischer, aber auch offener als früher. Sie sind extrem gut informiert. Und sie sind bereit, sofort zu intervenieren, wenn sie das Gefühl haben, dass ein Thema zu einseitig behandelt wird. In diesem Zusammenhang suchen sie sich ihre Vorbilder aus verschiedenen Bereichen zusammen. Es ist nicht mehr das grosse Vorbild, vereinigt in einer Person. Aus meiner Sicht ist es auch viel schwieriger, Vorbilder für die junge Generation aus der Wirtschaft zu finden, als zum Beispiel aus dem Sport. Als Vorbild im Unternehmensbereich muss man einen viel breiteren Fächer an Eigenschaften abdecken, als zum Beispiel im Sport oder im Unterhaltungsbereich. Dort ist die Erwartungshaltung auf einen ganz engen Leistungsbereich fokussiert. Erfüllt eine hochgejubelte Person diesen Anspruch nicht mehr, folgt gleich das nächste Idol.

Peter Stähli: Die jungen Leute sind heute meistens schon sehr bereist, haben viele Länder gesehen und Erfahrungen gemacht. Die junge Generation im Westen hat meist rasch eine erste Wohlstandsstufe erreicht. Aus dieser und somit aus einer gewissen Komfortzone heraus wird heute mehr als früher die Sinnfrage in verschiedene Richtungen gestellt. Ich erlebe viele engagierte und vertiefte Diskussionen zum Thema der nachhaltigen Werte. Die Sensibilisierung der Jungen für endliche Ressourcen und Nachhaltigkeit ist grösser als bei der Generation, die heute noch an der Macht ist. Für mich ist diese Entwicklung sehr positiv. Sie ist zumindest eine Chance, um von der kurzfristigen Maximierung zu einer Denkweise der mittelfristigen Optimierung zu gelangen. Wie gross die Bereitschaft zum persönlichen Verzicht dann wirklich ist, das bleibt eine offene Frage. Dazu muss man noch sagen, dass junge Leute sich natürlich schon auch von Idolen begeistern lassen. Diese verkörpern meistens materielle Werte und Ziele. Oft wird versucht, diese durch Nachahmen ebenfalls auch rasch und leicht zu erlangen. Auf jeden Fall ist die Attraktivität von Idolen und Vorbildern auch im negativen Sinn gross. Nicht nur für die junge Generation, wie die jüngste Vergangenheit zeigt.

Carolina Müller - Möhl: Ich stimme den beiden Herren zu. Anfügen würde ich, dass Medienvertreter leider manchmal allzu schnell zur Demontage einer prominenten Persönlichkeit bereit sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies auch junge potenzielle Führungskräfte beeinflusst und vielleicht sogar davon abhält, eine solche Karriere einzuschlagen. Welches sind oder waren Ihre persönlichen Vorbilder in der Führung?

Stefan Linder: Ein absolutes Vorbild in Form einer bestimmten Person habe ich nicht. Ich habe aber Vorbilder in verschiedenen Bereichen. Jemand, der durch seine Ehrlichkeit eine grosse Glaubwürdigkeit aufgebaut hat und zusammen mit seiner ausserordentlichen Kommunikationsfähigkeit gleichermassen leicht den Zugang zu Präsidenten und dem Mann auf der Strasse findet, ist Alt - Bundesrat Adolf Ogi.

Peter Stähli: Für mich sind Vorbilder in der Führung Kapitäne und Piloten, die ihre Unternehmen auch in stürmischen Zeiten zielsicher führen. Wer mich als Unternehmer stark beeindruckt, ist Sir Richard Branson. Er hat die ausserordentliche Fähigkeit, eine grosse Zahl von Unternehmen in verschiedensten Branchen und über den ganzen Globus verteilt, zu entwickeln und zu führen. Trotz seinen Erfolgen steht er auch zu eigenen Misserfolgen. Das hat dann mit Ehrlichkeit, mit Persönlichkeit zu tun. Als Firma ein Vorbild für Führung und Firmenkultur ist für mich Hilti.

Carolina Müller - Möhl: Ich habe keine konkreten Vorbilder, fühle mich aber angesprochen von Menschen, welche Eigenschaften eines Machers haben, Einsatz zeigen, mit Leidenschaft und Lust vorgehen, und dies bei weitem nicht nur in der Wirtschaft. Menschen, die sich für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Unternehmen einsetzen und dies auch mit ihrem sozialen und politischen Engagement zu verknüpfen wissen. Also Menschen, die für uns Alle etwas bewegen ! Sie verdienen unsere Anerkennung.

Das Gespräch führte Dr. Hans R. Knobel

© 2009 «Wirtschafts-Magazin»

September 2009 | Bilanz | Download Column

«Luftwege sichern»

Es gibt neue Lichtblicke in der Zürcher Flughafenfrage. Nachhaltigkeit ist aber nicht ohne politischen Willen zu haben.

Im Flughafenkanton Zürich stehen wieder Volksinitiativen an, und die Mahnwachen gehen weiter. Leserbriefspalten und Blogs füllen sich wöchentlich mit Unmut, Ärger, Beschimpfungen, gut gemeinten und weniger gut gemeinten Kommentaren. Die Politik scheint sich in der Normalität des Konflikts eingerichtet zu haben. Die Positionen sind bezogen. Lösungen, so der Tenor, seien kurzfristig nicht zu erwarten.

Nun aber gibt es neue Lichtblicke im Flughafendossier. Die Einladung an die Politik, wieder Bewegung in die Sache zu bringen, könnte nicht deutlicher sein. Da ist zum einen der technologische Fortschritt: Neue Navigationssysteme könnten künftig ökologisch verträglichere Anflugverfahren ermöglichen und so Hunderttausende in der Flughafenregion von übermässigem Lärm entlasten (Green Approach). Starke Führungspersönlichkeiten, die seit kurzem bei BAZL, Skyguide, Unique und Swiss am Ruder sind, könnten den Durchbruch auf der technischen Seite wagen. Dies umso mehr, als die Erprobung und Einführung dieser Technik auf internationalen Flughäfen längst erfolgreich angelaufen ist.

Da ist zum andern eine sorgfältige und erhellende Studie des Think Tank Avenir Suisse. Sie zeigt auf, wie dem Flughafen Zürich im «föderalen Geflecht» immer wieder Stricke um den Hals gelegt und immer weiter zugezogen werden. Der Schluss ist klar: Es braucht vor allem intelligente und mutige Entscheidungen, wenn den übergeordneten Interessen des Zürcher Flughafens gedient sein soll.

112 000 Arbeitsplätze hängen von diesem Flughafen ab, eine Wertschöpfung von über 19 Milliarden Franken jährlich, und 80 Prozent des über die Luft abgewickelten Frachtvolumens der Schweizer Volkswirtschaft gehen in Zürich Nord über die Rollbänder. Der Flughafen ermöglicht nicht nur Geschäfts- und Ferienreisen. Er sorgt auch dafür, das Kräuter und Früchte auf unserem Tisch liegen, dass Hightech-Unternehmen liefern können und es den Schweizern gut geht.

Der Zürcher Fluglärmindex hat nichts gebracht: Er erhöht zwar den Entscheidungsdruck auf die Politik, zeigt aber keine Lösungen auf. Die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Regierungsrätin Rita Fuhrer wird kaum Spielraum haben, ohne dass wir die Verhältnisse ins richtige Licht rücken: Wirtschaft und Volk möchten über einen funktionierenden Flughafen verfügen. Und Umweltgesetze zeigen auf, wie wir mit den negativen Folgen eines Hubs in einer Stadt umgehen sollten: Lärmimmissionen sind zu kanalisieren, nicht zu verteilen! Wie sonst könnten wir heute mit der Autolawine, mit den Eisenbahnen, mit dem Kehricht leben? Die Einführung von Südstarts würde erneut Zehntausende Bürger und Bürgerinnen gegen den Flughafen Kloten aufbringen.

Technische und institutionelle Vorschläge liegen auf dem Tisch. Neue Führungsmannschaften in Politik und Wirtschaft erhalten damit die Chance, die Spielregeln neu zu definieren. Sie könnten einen Beitrag an das Funktionieren des wichtigsten Schweizer Flughafens leisten. Und sie könnten etwas für eine regionale Bevölkerung tun, deren Zahl den Bestand in so manchem schweizerischen Kleinkanton bei weitem übersteigt.

Hatten unsere Vorfahren für die Regelung der Eisenbahnen Patentrezepte oder unsere Eltern für die politische Regelung der Kernenergie? Wohl nicht, genauso wenig, wie wir für unser Flughafenproblem welche haben. Aber sie liessen nicht locker: Sie bewahrten sich im Streit um nationale Probleme den Blick aufs Ganze.

© 2009 «Bilanz»

August 2009 | Sonntagsblick | Download Column

«Wirtschaft begreifen und das Leben verstehen»

Wirtschaftsthemen gehören auch ins Schulzimmer – möglichst früh und dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst. Die Diskussion darüber muss ohne Scheuklappen und falsche Berührungsängste geführt werden. Das ist eine grosse Chance. Für unsere Kinder und für unsere Gesellschaft.

Als lukrative Klientel der Werbung sind unsere Kinder immer begehrter. Sie sollen ihren Eltern möglichst früh erklären können, warum ein Leben ohne Gameboy nicht lebenswert ist und warum beim Turnschuh Form und Anzahl der Streifen eben doch ganz entscheidend sind. Und sie tun dies in der Regel mit Erfolg.

Gleichzeitig trauen wir unserem Nachwuchs aber offenbar nicht zu, elementare ökonomische Vorgänge, beispielsweise im Bereich Konsumverhalten, Umgang mit Geld, Produktion oder Steuersystem, zu verstehen. Ein Unterrichtsfach, das Wirtschaftsthemen altersgerecht verpackt vermittelt, sucht man in der Volksschule vergeblich.

In den Lehrplänen gibt es keine Verpflichtung zur Behandlung volkswirtschaftlicher Zusammenhänge. Das Thema kann allenfalls und meist nur am Rande im Block «Mensch und Umwelt» gestreift werden. Im Klartext: Ob bereits Hänschen oder erst Hans Vorstellungen zu ökonomischen Prinzipien wie Markt, Güter- oder Geldströmen entwickelt, hängt ausschliesslich von der Initiative der Lehrperson ab. Ich bin überzeugt, dass hier von zahlreichen Lehrpersonen gute Arbeit geleistet wird. Die Verbindlichkeit fehlt aber.

Dabei zeigen Studien und Untersuchungen ein interessantes Bild: «Kinder sind nicht zu jung, um ökonomische Themen zu verstehen» – hält die renommierte deutsche Bildungswissenschaftlerin Meike Wulfmeyer fest. Sie bemängelt in diesem Zusammenhang eine «falsch verstandene Kindorientierung» und fordert, dass Ökonomie zum Kernstoff der Grundschule gehören muss. Ihr Buch «Ökonomische Bildung
in der Grundschule – Wie Kinder handlungsorientiert Wirtschaft machen!» zeigt Beispiele aus der Schulpraxis auf.

Wir erwarten von unseren Kindern und künftigen Erwachsenen, dass sie in einer hochkomplexen Gesellschaft und Wirtschaftswelt bestehen und mit deren Chancen – aber auch deren Gefahren und Verführungen – sicher umgehen. Gleichzeitig verzichten wir darauf, Ihnen schon möglichst früh das Rüstzeug dafür mitzugeben. Das ist eine verpasste Chance!

Es gibt vielversprechende Ansätze: So stellt die Schweizerische Nationalbank im Rahmen ihres Projekts «iconomix» Dokumentationsmaterialien für Schulen bereit. Die «Young Enterprise Switzerland»,
eine private Initiative, bietet Wirtschaftsbildungsprogramme für jede Schulstufe an.

Wer sorgt für die dringend notwendige Entrümpelung der Lehrpläne? Für das Forum Bildung (www.forumbildung.ch) ist klar: Wirtschaftsthemen sollten darin einen festen Platz erhalten. Die Aufgabe ist anspruchsvoll und kann kaum allein von den Erziehungsbehörden, aber auch nicht allein von der Wirtschaft gelöst werden. Es braucht neue, stufengerechte Lehrpläne und Lehrmittel. Und es braucht die politische Bereitschaft, dieses Feld gemeinsam anzugehen.

© 2009 «Sonntagsblick»

August 2009 | Sonntagsblick | Download Interview

«Kredite für Bettler sind bei uns zinslos.»

Nobelpreisträger Muhammad Yunus erhält jede Woche Hunderte Interviewanfragen. Kein Wunder: Der Bankier aus Bangladesch hat bereits vor 33 Jahren ein Kreditsystem erfunden, das zuverlässig funktioniert.

Muhammed Yunus erhält jede Woche Hunderte Interviewanfragen. Kein Wunder: Der Bankier aus Bangladesch hat bereits vor 33 Jahren ein Kreditsystem erfunden, das zuverlässig funktioniert.

Von Carolina Müller-Möhl und Werner Vontobel

Nur dreissig Sekunden, nachdem wir die Nummer in Bangladesch gewählt haben, ist Muhammad Yunus persönlich am Apparat. Der Mann ist immerhin Nobelpreisträger, Professor und Chef eines weltumspannenden Unternehmens mit 28 000 Mitarbeitern in 40 Ländern. Doch anders als andere Konzernchefs, kann es sich Yunus nicht leisten, sich mit einer aufwendigen Bürokratie und einem ganzen Schwarm von PR-Mitarbeitern zu umgeben. Seine Unternehmen arbeiten für die Ärmsten dieser Welt, da zählt jeder Cent.

Herr Yunus, US-Präsident Barack Obama wird Ihnen am 12. August die höchste zivile amerikanische Auszeichnung über reichen, die Friedensmedaille. Was bedeutet Ihnen das?
Muhammad Yunus: Sehr viel, und mit mir freut sich ganz Bangladesch. Der Preis ist ein Zeichen der Anerkennung. Es zeigt, dass unsere Arbeit Wirkung entfaltet und ermutigt uns, weiterzumachen.
Ihr Unternehmen ist auch in den USA, beispielsweise in New York, tätig. Wer sind dort Ihre Kunden?
Unsere Kunden sind arme Amerikaner. Wir geben Kredite von durchschnittlich etwa 200 Dollar. In den USA sind es 300 bis 5000 Dollar. Dieses Geschäft können normale Banken nicht rentabel betreiben.[/b]
Wofür werden diese Minisummen denn gebraucht?
Da ist zum Beispiel ein Bäcker, der einen Kühlschrank braucht, um seine verderbliche Ware zu lagern. Oder ein Strassenhändler, der bisher jeden Tag seinen Karren neu mieten musste. Oder eine Coiffeuse, die einen Vorrat an Shampoos und Pflegemitteln braucht, um ihre Kundinnen bedienen zu können. Das sind kleine Anschaffungen mit grosser Wirkung.
Wo holen Sie Ihre Kreditfachleute her? Melden sich entlassene Bankmanager bei Ihnen?
Nein, die kennen dieses Geschäft nicht. Wir haben Spezialisten aus Bangladesch in die USA geschickt. Diese bilden junge Leute aus.
Sie geben Kredite an arme Leute ohne festes Einkommen und ohne Grundbesitz oder andere Sicherheiten. Damit tun Sie eigentlich alles, was hierzulande nicht denkbar wäre. Kann das gut gehen?
Natürlich geht es, das beweisen wir seit 33 Jahren jeden Tag. Wir investieren in die Zukunft und wir helfen unseren Kunden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist das ganze Geheimnis. Das müssen Sie noch etwas genauer erklären. Gern. Das Rezept ist in allen Ländern dasselbe. Erstens bilden wir Gruppen von je fünf Kreditnehmern, die sich gegenseitig verbürgen, also eine Risikogemeinschaf bilden. Zweitens vergeben wir die Kredite mit ganz wenigen Ausnahmen nur an Frauen.
Aber es gibt doch auch arme Männer …
Natürlich, aber es ist besser für sie, wenn ihre Frauen die Kredite erhalten. Frauen sind sehr viel verlässlicher, hartnäckiger und sorgen für die ganze Familie, also auch für die Männer. Das ist eine jahrzehntelange Erfahrung, die wir in allen Ländern gemacht haben.
Und drittens?
Diese Kreditgemeinschaften treffen sich jede Woche mit ihrem Betreuer. Bei dieser Gelegenheit werden die Zinsen eingezogen und vor allem werden auch Erfahrungen ausgetauscht. Das schafft einen Gruppendruck und eine Gruppendynamik.
Die Grameen-Bank wird für ihre hohen Zinsen kritisiert.
Wir zahlen acht Prozent für die Einlagen und unsere Kreditkunden zahlen in Normalfall 20 Prozent, Hypotheken kosten acht Prozent und die Kredite für Bettler sind zinslos. Wenn am Schluss ein Zinsgewinn übrig bleibt, wird dieser in die Projekte reinvestiert. Ich kann Ihnen versichern, bei uns wird sehr scharf gerechnet, wir betreiben viel weniger Aufwand als andere Banken.
Eine soeben veröffentlichte Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sagt, dass Mikrokredite per saldo nicht helfen, ihre Kreditnehmer aus der Armut zu befreien.
Wissen sie, die sollen ihre Studien machen und wir machen unsere Arbeit. Übrigens, eine Studie der Weltbank, die ja in gewissem Sinne unser Konkurrent ist, kommt genau zum gegenteiligen Schluss …
Die afrikanische Ökonomin Dambisa Moyo schreibt in ihrem neuen Buch «Dead Aid», dass die traditionelle Entwicklungshilfe schädlich ist und speziell in Afrika durch Mikrokredite ersetzt werden sollte. Teilen Sie die Einschätzung?
Absolut: Die Hilfe der reichen Länder nützt deshalb wenig, weil 75 Prozent des Geldes sehr schnell wieder in die Geber-Länder zurückfliessen. Bei den Mikrokrediten hingegen bleibt das Geld im Land. Ich bin überzeugt, dass in Afrika sehr viel wirtschaftliche Entwicklung möglich ist.
Begrüssen Sie, dass westliche Banken jetzt auch die Mikrofinanz entdeckt haben und entsprechende Fonds auflegen?
Nein, nicht unbedingt. Viele Banken haben immer den Profit im Visier. Das ist für die Mikrofinanz die falsche Optik. Im Prinzip brauchen wir kein Geld von aussen, denn wir setzen mit unseren Krediten eine wirtschaftliche Entwicklung in Gang, die ihre eigenen Ersparnisse schafft. Das ist die Grundlage der Mikrofinanz.
[/i]Dennoch arbeiten Sie seit einiger mit gewinnorientierten Firmen zusammen. Sie nennen es Social Business.[/i]
Ja, das sind sehr wichtige Joint Ventures, die unsere Arbeit unterstützen. Mit Veolia etwa geht es darum, sauberes Trinkwasser zu beschaffen. Beim Projekt mit Danone versorgen wir die Bevölkerung mit einem erschwinglichen Joghurt, das all die Spurenelemente enthält, die für die Gesundheit der schlecht ernährten Kinder wichtig sind. Der Gewinn ist dabei Nebensache.
Sie sind engagiert, dynamisch, voll dabei. Sie sind aber auch 69 Jahre alt. Haben Sie schon einen Nachfolger aufgebaut?
Ich habe ein starkes operatives Team von Frauen und Männern um mich herum. Sie werden am besten wissen, wer von ihnen am geeignetsten ist. Ich trage die Botschaften von Mikrofinanz und Social Business in die Welt hinaus. Das neuste Projekt in Kroatien ist in den Startlöchern, es gibt noch viel zu tun.
Dieser Artikel ist mir wichtig, weil ...
... die Welt mehr Menschen braucht wie Professor Muhammad Yunus– engagiert, motivierend, leidenschaftlich.

© 2009 «Sonntagsblick»

June 2009 | Bilanz | Download Column

«Assets Kleinkinder»

Die Schweiz sollte sich gut um ihre Zukunft kümmern. Diese ist bereits geboren - und lebt mit ungleichen Chancen, schlecht betreut.

Die Schweiz war einst berühmt für ihr Bildungs system. Auch heute dürfen sich vor allem Berufsbildung und Hochschulen immer noch sehen lassen. Ganz anders aber sieht es bei den Schul- und Kleinkindern aus. Jüngst lehnten mehrere Kantone verschiedene Bildungsreformen ab. Das spektakuläre Scheitern des aargauischen Bildungsministers mit seinem «Kleeblatt »-Projekt wurde zu einem traurigen Symbol. Viele – vor allem ländliche – Gegenden der Schweiz haben Mühe, den Wandel der Schule zu akzeptieren. Sie verhindern so, dass die Schweiz als kluge und gut integrierte Gesellschaft in die Zukunft startet.

Während sich Reformer verheddern und Konservative der Schulstube nachträumen, nehmen die Probleme in Klassenzimmern und Familien zu. Das könnte sich rächen. Denn Gesellschaft und Berufswelt verändern sich weltweit rasant. Andere europäische Länder sind innovativ und passen sich den veränderten Rahmenbedingungen schneller an. Die Schweiz indes meint, ihre Zukunft verschlafen zu können. Bildungspolitik gilt als eine Domäne der kantonalen Parteien, Lehrerverbände, Behörden und Elternlobbys – statt dass sich auch Unternehmen, Wirtschaftsverbände und bildungsbewusste Bürger engagierten.

Besonders krass ist die Situation in der frühkindlichen Förderung. Die Koordinationskommission für Familienfragen des Bundes und die Schweizer Unesco-Kommission haben gezeigt, dass sich die Schweiz unzureichend um den jüngsten Nachwuchs kümmert. Dies wird sich noch während Jahrzehnten negativ auswirken. Die nordischen Länder belegen, wie eine gute frühkindliche Förderung sowohl die Chancengleichheit der Kinder erhöht als auch die erwünschte Steigerung der einheimischen Geburtenraten bewirkt.

40 Prozent der Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren sind zu Hause unbeaufsichtigt. Das Angebot an ausserfamiliärer Betreuung für die bis Vierjährigen ist zwar stark ausgebaut worden. Aber noch immer investieren wir lediglich 0,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes in Frühförderung. Das ist nur ein Drittel dessen, was Österreich investiert, und sogar nur ein Zehntel des Engagements von Dänemark.

Man wird zu Recht sagen: Bei Kindern geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität. Aber leider steht es gerade in dieser Hinsicht schlecht. Das hat eine Forschergruppe um die Freiburger Professorin Margrit Stamm gezeigt. Im internationalen Vergleich hinkt die Schweiz in Bezug auf die pädagogische Qualität und die Qualitätssicherung von Betreuungsangeboten deutlich hinterher. Dasselbe gilt für die Qualifi kation des Personals in den Krippen und Horten. Und für die Betreuung benachteiligter Kinder.

Was geht all dies Wirtschaft und Politik an? Kindererziehung ist doch Privatsache, heisst es. Wären unsere Vorfahren im 19. Jahrhundert diesem Argument gefolgt, lebten wir heute in einem entvölkerten Entwicklungsland ohne Volks- und Berufsschulen. Selbstverständlich gilt es gerade bei Kindern und Familien, die Privatsphäre zu respektieren und elterliche Verantwortung zu erwarten. Tatsache aber ist, dass viele Kinder tagtäglich unbetreut sind oder dass sie zu wenig professionell umsorgt werden. Tatsache ist, dass das Bildungsund Sozialwesen trotz hohen Ausgaben schlecht koordiniert ist und dass benachteiligte Kinder schon in der ersten Klasse mit deutlichem Rückstand starten. Und Tatsache ist, dass die frühe Lebensphase entscheidend ist für ein späteres intaktes Sozial-, Gefühls- und Berufsleben. Wer hier investiert, vermeidet die spätere Explosion von Bildungs-, Sozial- und Kriminalitätskosten. Warum nur fehlt in der Schweiz die Einsicht dafür?

© 2009 «Bilanz»

June 2009 | Handelszeitung | Download Interview

«Durchhaltewille ist wichtiger geworden»

Trotz der schwierigen Wirtschaftslage ruft die Jurypräsidentin des Swiss Economic Award Jungunternehmer dazu auf, ihre eigene Firma zu gründen. Der Wirtschaftsnachwuchs sei gut aufgestellt, ist die Präsidentin der Müller-Möhl Group überzeugt.

Interview: Pascale Ihle

Lassen sich Jungunternehmerinnen durch die Wirtschaftskrise entmutigen?
Carolina Müller-Möhl: Nein, im Gegenteil. Wir hatten letztes Jahr sogar einen Gründerboom in der Schweiz. Die aktuelle Situation macht es für die Jungunternehmen aber sehr anspruchsvoll. Der Durchhaltewille ist noch wichtiger geworden.
Sind sie zu optimistisch, zu blauäugig?
Müller-Möhl: Generell würde ich das nicht so sagen. Es ist wohl etwas vom schwierigsten abzuschätzen, wann genau der richtige Zeitpunkt für die Lancierung der persönlichen Geschäftsidee gekommen ist. Aus meiner Sicht sind zwei Dinge sehr wichtig: Erstens sollte man das Marktpotenzial, die Patentsituation und die Differenzierung am Markt sehr gut abklären. Zum Zweiten finde ich es gefährlich und sehr anspruchsvoll, aus einer Notsituation heraus eine Firma zu gründen. Hier besteht die grosse Gefahr, dass eine Geschäftsidee künstlich erfunden wird.
Welches sind die Chancen, die sich Jungunternehmen und Start-ups heute bieten?
Müller-Möhl: Wir stehen in einer Phase des Umbruchs. Wo umgebaut wird, entsteht immer viel Raum für Neues und für Kreatives. Ich kann nur dazu aufrufen, auch positiv zu denken, Chancen zu erkennen und Risiken einzugehen. Viele der bekannten weltweiten Brands haben ihren Ursprung in Zeiten, wie wir sie heute erleben.
Gibt es Bereiche, wo das Potenzial für junge Pioniere besonders gross ist?
Müller-Möhl: Sicher haben Pioniere im Bereich von Präzisionsmaschinen, Hightech usw. grosses Potenzial, weil in diesen Bereichen oft auch sehr schnell internationale Märkte locken. In Rahmen meiner branchenübergreifenden Tätigkeiten habe ich gelernt, dass man mit den guten Rahmenbedingungen in der Schweiz in einigen Branchen erfolgreich sein kann.
Sie sind Präsidentin des Swiss Economic Award. Haben Sie in den letzten Jahren einen bestimmten Trend beobachtet?
Müller-Möhl: Positiv zu erwähnen ist aus meiner Sicht die steigende Professionalität der Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer. Auffallend ist auch, wie gut informiert die jungen Persönlichkeiten heute sind, was sicher auch eine Folge der weltweit vernetzten Informationstechnologie und deren intensiven Nutzung ist.
Welches sind gegenwärtig die grössten Risiken für angehende Unternehmer?
Müller-Möhl: Bei den sich negativ und seitwärts entwickelnden Märkten werden Investitionen nur zögerlich getätigt oder aufgeschoben. Jungunternehmen haben noch wenig Substanz bilden können, daher können verzögerte Auftragseingänge rasch zu einer angespannten Lage führen.
Wie schaffen es Start-ups heute doch noch, an Kapital heranzukommen?
Müller-Möhl: Die entscheidenden Faktoren bleiben immer noch dieselben: Innovative Produkte oder innovative Dienstleistungen, eine gute Nischenstrategie mit einer klaren Differenzierung, oder Vorsprung am Markt. Natürlich gehört auch guter Businessplan und eine überzeugende Unternehmerpersönlichkeit zu den wichtigen Punkten, um an Kapital heranzukommen. Für die Finanzierung von überzeugenden Start-ups gibt es in der Schweiz bei Investoren, Unternehmern und Banken nach wie vor genügend Kapital. Zweifellos muss aber wesentlich mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden!
Wie bewerten Sie den sogenannten Wissens- und Technologietransfer von den Hochschulen in die Unternehmen?
Müller-Möhl: Es gibt gute institutionalisierte Förderorganisationen wie die Förderagentur für Innovation KTI des Bundes. Hier werden Hochschulen und KMU in konkreten Projekten zusammengeführt, gecoacht, und ein Teil des Aufwandes der Hochschulen wird sogar abgegolten. Natürlich kann man noch mehr tun. Aus meiner Sicht müssten solche Angebote aber vor allem durch die KMU und die Hochschulen besser und aktiver genutzt werden, bevor wir an einen Ausbau denken. Wie bewerten Sie als Jurypräsidentin die Innovationskraft und die Nachhaltigkeit der Unternehmen, die Sie sich näher angeschaut haben? Müller-Möhl: Die Tätigkeit ist sehr inspirierend und motivierend. Die Jungunternehmer, die wir kennen lernen, sind eine Auslese der besten. Hier spürt man die Innovationskraft und das Herzblut der aufstrebenden Persönlichkeiten in einer besonderen Weise. Das Nachhaltigkeitsthema hat in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung erhalten und ist heute fast bei allen Jungunternehmen ein wichtiger strategischer Erfolgsfaktor. Unser Wirtschaftsnachwuchs ist gut aufgestellt.
Glauben Sie, dass die Schweizer KMULandschaft gut gerüstet ist für die Zeit nach der Krise?
Müller-Möhl: Aus meiner Sicht haben viele KMU hervorragend und sehr schnell auf die Krise reagiert. Das beweist auch, dass man sich intensiv mit der aktuellen Situation und der Zukunft auseinandersetzt. Ich bin sicher, dass wir im internationalen Vergleich gut abschneiden, auch wenn man heute nicht abschliessend beurteilen kann, wie, wo und wann es wieder aufwärts geht.
Welches sind in Ihren Augen die Stärken des Wirtschaftsstandortes Schweiz?
Müller-Möhl: Wir haben viele Vorteile, auf die wir stolz sein dürfen, denen wir aber auch Sorge tragen müssen. Es sind dies die politische Stabilität unseres Landes mit den gut ausgebauten Sozialwerken. Erwähnen möchte ich auch den hohen Bildungsstand, der eine wichtige Basis für die Innovationskraft gerade in der Elektround Maschinenindustrie, in der Medizinaltechnik und der Pharmaindustrie darstellt. Aber auch für den Dienstleistungssektor ist es sehr wichtig, dass wir dem Thema Bildung auch in der Zukunft einen hohen Stellenwert beimessen. Investitionen in die Bildung müssen uns ein Anliegen sein.
Und wo orten Sie Schwächen?
Müller-Möhl: Wir haben heute eine hohe Regulierungsdichte in der Schweiz. Kombiniert mit unserem föderalistischen System ergeben sich in vielen Bereichen lange Verfahrenswege. Gemessen an der Dynamik der Wirtschaft mit sich rasch ändernden Märkten und kurzen Produktezyklen ergeben sich für Unternehmen in der Schweiz zum Teil bedeutende Nachteile. Im Vordergrund stehen dabei die oft zu langen Bewilligungsverfahren bei Ausbau- und Infrastrukturprojekten und die Import- und Export-Beschränkungen. Ein weiterer Nachteil für die exportierenden Unternehmen bildet der im internationalen Vergleich kleine Binnenmarkt, der als Basis für die Expansion ins Ausland ein relatives kleines Volumen darstellt.

© 2009 «Handelszeitung»

April 2009 | Bilanz | Download Column

«Auf dem Prüfstand»

Rücken Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in der Krise näher zusammen, kann das auch eine Chance sein.

Wir stecken mittendrin: Die Wirtschaftskrise hat auch die Schweiz erfasst. Politik und Wirtschaft müssen nach Jahren der Entfremdung wieder zusammen rücken - sie sitzen im selben, in Seenot geratenen Boot. Der Einsatz von Alt-Bundesrat Kaspar Villiger für die UBS, die Stützungsmassnahmen der Nationalbank und die wirtschaftspolitische Diplomatie im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis sind die sichtbarsten Zeichen dafür.
Wir gehorchen der Not der Stunde, tun aber, was seit längerem fällig war. Wir versuchen, wirtschaftliches Gewinnstreben und politische Verantwortung in ein besseres Gleichgewicht zu bringen. Diese Forderung ist zwar Bestandteil vieler Firmenleitbilder. Entsprechend ist schon immer gesponsert, gespendet und gestiftet worden. Doch wurde die Ernsthaftigkeit des Anliegens zuweilen unterschätzt. Börsenhypes und -crashs liessen andere Prioritäten in den Vordergrund rücken.
Mit der Krise steigt das Bedürfnis, in nachhaltige Unternehmen zu investieren. Damit dürfte auch die Corporate Citizenship wieder wichtiger werden. Künftig wird es keine starke Marke und keine solide Unternehmensreputation mehr geben ohne gezielte gesellschaftliche Vernetzung und somit sichtbare Corporate Social Responsibility. Firmen wie Nestlé, Coop und auch einige KMU hierzulande machen es bereits heute vor.
Wollen wir das Unternehmertum stabiler machen, sollten wir nicht alte Fehler wiederholen. Zu vermeiden wäre einerseits das Opportunismussyndrom. Stiftungen, Nachhaltigkeits- und Sozialprogramme werden zu häufig dann ins Leben gerufen, wenn ein bestimmter Anlass dies gerade als angebracht erscheinen lässt. Das kann ein Jubiläum, der Lebenstraum einer Führungskraft oder der öffentliche Druck sein. Zu oft geht jedoch vergessen, dass solche Engagements auf einer vertiefenden Umfeldanalyse aufbauen sollten. Corporate Citizenship sollte echte gesellschaftliche Probleme lösen. «Professionalität wie im Kerngeschäft» müsste die Devise der Firmen lauten.
Das zweite Syndrom, das wir vermeiden sollten, ist das Privatisierungssyndrom. Bei der Corporate Citizenship muss nicht jeder das Rad neu erfinden. Bevor Firmen spenden, stiften beziehungsweise Programme lancieren, sollten sie Aktivitäten anderer Firmen («best in class») oder Stiftungen genau untersuchen. Externe Partnerschaften mit internationalen Organisationen, NGO oder Stiftungen sind attraktiv. Dank Synergien kann der Mitteleinsatz optimiert und somit die Wirkung gesteigert werden. Man stelle sich vor, was die 18'000 Stiftungen in der Schweiz mit einem geschätzten Gesamtvolumen von 40 bis 60 Milliarden Franken zu bewegen imstande wären! Die Lösung heutiger Probleme kann nur in einer kollektiven Anstrengung gelingen.
Schliesslich: Wir sollten Corporate Citizenship weder ausschliesslich an Führungspersonen delegieren noch sie zu einem neuen Privileg werden lassen. Die Förderung von Mitarbeitenden in ihren gemeinnützigen Engagements wird das Zeichen einer neuen Wirtschaftsära sein. Es ist nicht nur zu prüfen, wie und ob man Schlüsselpersonen teilweise freistellen kann. Auch verlässliche Arbeitszeitmodelle und ein freier Zugang zur Firmeninfrastruktur sind geeignete Mittel.
Unternehmen können dabei nur gewinnen: In ihnen herrschen mehr Zufriedenheit, mehr Kompetenz und eine Erweiterung des Horizonts der Mitarbeitenden. Unternehmen im Anschluss an eine Krise zu positionieren, ist eine Aufgabe im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft. Fragen von globaler Entwicklung, Nachhaltigkeit, sozialer Integration und Bildung werden die Top-Issues sein. Klug, wer auf diesen Zug der Geschichte nicht zu spät aufspringt!

© 2009 «Bilanz»

January 2009 | Der Arbeitsmarkt | Download Interview

«Es wäre grundfalsch, aufgrund einer Krise in der Bildung zu sparen»

Carolina Müller-Möhl sprach am ersten Swiss Talent Forum zum Thema Bildung. Das Forum fand vom 25. bis 29. Januar in Thun statt.

Die Zürcher Unternehmerin und Politologin Carolina Müller-Möhl über Bildung als Erfolgsfaktor, die Notwendigkeit einer Bildungslobby und eine Bildungspolitik, die auch die Leistungsstarken fördert.

Frau Müller-Möhl, was bedeutet für Sie Erfolg?
Carolina Müller-Möhl: Erfolg ist, wenn man mit Engagement und Fleiss ein Ziel erreicht, das man sich selber gesteckt hat. Mehr Autonomie und Befriedigung sind der Lohn dafür. Erfolge helfen auch, Misserfolge zu verdauen. Gerade aus diesen kann man aber viel lernen.
Dass Bildung in unserer globalisierten Informationsgesellschaft immer wichtiger wird, ist schon fast eine Binsenwahrheit. Ist eine gute Bildung für alle angesichts der Wirtschaftskrise in Gefahr?
Die Gefahr besteht, denn es kommen vermutlich harte Zeiten mit neuen Sparprogrammen auf uns zu. Es wäre aber grundfalsch, auf Grund einer Krise in der Bildung zu sparen. Das Gegenteil ist angesagt: Denn Bildung ist eine unvergleichlich ergiebige Ressource. Gerade hat Barack Obama in seiner Antrittsrede auf ihre Relevanz hingewiesen, und Angela Merkel hat kürzlich klipp und klar gesagt: Wohlstand für alle heisst Bildung für alle.

Oft ist zu beobachten, dass es nicht die Menschen mit der besten Bildung am weitesten bringen, sondern die Schlauen, die Rücksichtslosen, die Vernetzten, die Privilegierten oder die Glückspilze. Ist Bildung nicht bloss ein Puzzleteil unter vielen für ein erfolgreiches Leben?
Doch, das kann ich bestätigen. Zum Erfolg gehört auch ein bisschen Glück und sicherlich auch die nötige Durchsetzungskraft. Aber Bildung ist nicht nur ein Puzzleteil unter vielen, sondern ein sehr entscheidendes: Sie schafft Orientierung, sie erlaubt es, Prioritäten zu setzen, und nicht zuletzt schafft sie die Grundlagen für ein ständiges, lebenslanges Lernen.

Wie muss eine zukunftsweisende Bildung beschaffen sein? Wie muss man mit seiner Bildung umgehen, um nachhaltigen Erfolg zu haben?
Das Bildungssystem muss qualitäts- und kostenbewusst sein, und es muss eine hohe Durchlässigkeit aufweisen. Nur so kann es Talente optimal ausschöpfen und zu einer Haltung des lebenslangen Lernens hinführen. Wir müssen in der Schweiz von den Besten lernen wollen und offen sein für Innovation und Veränderung.

Die westliche Gesellschaft nimmt für sich in Anspruch, den höchsten Bildungsstandard und die besten Bildungseinrichtungen auf der Welt zu besitzen. Ist das ein alter Zopf?
Wenn man die Pisa-Ergebnisse zum Massstab nimmt, dann gilt das nicht für alle Länder und auch nicht für alle Fachrichtungen. Wir müssen uns bewusst sein, dass die verfügbaren Daten historisch kaum verglichen werden können. Dazu kommt, dass die Bildungssysteme sehr unterschiedlich sind und besondere Qualitäten nicht einfach numerisch gemessen werden können.

Soll die Wirtschaft die Bildung vor Ort fördern oder einfach auf dem globalen Arbeitsmarkt die guten Köpfe rekrutieren, die sie braucht.
Wir können uns keine Bildungspolitik leisten, die an der Wirtschaft beziehungsweise am Arbeitsmarkt vorbeizielt. Auf der anderen Seite sollte sich die Wirtschaft um Bildung kümmern, sie sollte ihre Bedürfnisse artikulieren und die Verantwortung nicht ausschliesslich dem Staat überlassen.

Wie werden die Schlechtqualifizierten in einer vollends globalisierten Zukunft leben?
Ich befürchte, dass es für sie schwieriger werden könnte. Entsprechend scheint mir wichtig, dass in der Schweiz alle Schülerinnen und Schüler eine Chance auf Bildung bekommen, egal, welchen familiären Hintergrund sie haben. Aus diesem Grund sind die Frühförderung, die Durchlässigkeit und auch das private Engagement für Bildung so entscheidend.

Zu guter Letzt: Was versprechen Sie sich vom neuen «Swiss Talent Forum»?
Ich hoffe, dass sich diese Plattform weiterentwickeln wird. Dass sich die jungen Menschen, die sich hier kennen gelernt haben, zusammenschliessen, eine Bildungslobby gründen und sich einsetzen für eine Bildungspolitik, die auch die Leistungsstarken stützt und fördert.

Der Artikel auf www.derarbeitsmarkt.ch

© 2009 «Der Arbeitsmarkt»

October 2008 | punkt.ch | Download Column

«Nachhaltigkeit und Fairness»

Investment Banking ist derzeit ein Reizwort. Viele sind hart getroffen von der Krise an der Wall Street. Und bitter enttäuscht. Es wird länger dauern, bis neues Vertrauen zurückkehrt – und damit hoffentlich etwas mehr Vernunft im globalen Finanzgeschäft.

Einen Kontrapunkt setzte dieser Tage die Stadt Genf. Dort diskutierten Banker, Wissenschaftler, Entwicklungsexperten und Investoren über Zukunftsperspektiven. Das Welt-Mikrofinanz-Forum zeigte auf, wie Gewinnstreben und Nachhaltigkeit auf einen Nenner gebracht werden können. Das Erfolgsrezept von Nobelpreisträger und Bank-Gründer Muhammad Yunus findet immer mehr Anhänger – darunter auch Unternehmen wie Credit Suisse, Pictet und Syngenta. Kleinkredite werden über selbst verwaltete und dezentrale Strukturen an Kleinstunternehmen gewährt. Viele davon sind von Frauen geführt. Rückzahlungsquoten von sagenhaften 99 Prozent haben manches Vorurteil gegenüber Mikrokrediten widerlegt.

Geschäfte mit Mikrokrediten können nicht mit dem globalen Investment Banking mithalten. Sie bringen nicht maximalen Gewinn – aber optimalen: Sie verbinden Wertschöpfung mit Nachhaltigkeit und Fairness. Sie rufen uns in Erinnerung, dass wirtschaftliche Erfolge nur durch ein Bekenntnis zu persönlicher Verantwortung und Leistungswille zu haben sind.

Die Botschaft aus Genf ist Balsam für unsere krisengeschüttelten Gemüter. Manchmal entsteht Grosses eben aus dem Kleinen.

© 2008 «punkt.ch»

October 2008 | Bilanz | Download Column

«Mehr über Risiken reden»

Die Wall Street wankt. Wie wir in einer globalen Risikogesellschaft mehr Verantwortung übernehmen sollten.

Die Gedenkfeiern für 9/11 waren kaum zu Ende, als die Wall Street ins Wanken geriet. Das Finanzzentrum ist nicht durch Terroristen zerstört, sondern von innen her destabilisiert worden: durch Fehlverhalten, unterschätzte Risiken und falsche Anreizsysteme. Traditionsfirmen verschwinden, Tausende Mitarbeiter verlieren ihren Job.
Das erinnert uns schmerzhaft daran, dass wir in einer «Risikogesellschaft» (Ulrich Beck) leben. In einer Welt, die uns technisch unterstützen, finanziell absichern und das Zusammenleben politisch regeln soll, ist ein Leben ohne «hausgemachte» Risiken nicht möglich. Ob Benjamin Franklin das schon geahnt hat, als er im 18. Jahrhundert bemerkte, nichts sei sicher ausser der Tod und die Steuern? Viele neigen heute dazu, sich schockiert und desillusioniert aus Wirtschaft und Politik abzumelden. Paradoxerweise aber vermehren sie durch genau dieses Verhalten die Risiken weiter: Passivität und Absentismus machen Unternehmen wesentlich handlungsunfähiger. Das Gleiche gilt für Politik und Behörden.
Angst vor dem Risiko darf den Mut zur Tat und zur Innovation nicht lähmen. Gerade Gründerfiguren der modernen Welt von Amerika bis Europa haben uns dies vorgeführt. Oder anders gesagt: Der Vermessenheit des Menschen kann nur der Mensch selber begegnen - mit jener klugen Scharfsinnigkeit, mit jener Freundlichkeit sich selber und anderen gegenüber, die für den Philosophen Michael Schmidt-Salomon zu den Kennzeichen einer «zeitgemässen Leitkultur» gehören.
Damit sollen die aktuellen Probleme von Finanz und Wirtschaft nicht kleingeredet werden. Aber es ist offensichtlich, dass es nicht so weit und damit nicht zu dieser wuchtigen staatlichen Intervention hätte kommen müssen. Wäre man nur bereit gewesen, neben kurzfristiger Gewinnmaximierung auch auf langfristige Vorsorge zu setzen. Wäre man - mit den Worten von Schmidt-Salomon - nur bereit gewesen zu akzeptieren, dass 2 plus 2 eben 4 ergibt und nicht 22.
Da sind zum Ersten die Shareholder: Wollen sie nachhaltiges Management ermöglichen, sind sie selber zu einer langfristigen Perspektive verpflichtet. Verführerischen Versprechungen seitens der Unternehmensführungen sollten sie kritisch begegnen und einer verlockenden Selbstbedienungsmentalität eine Absage erteilen.
Da sind zum Zweiten die Führungskräfte und die Mitarbeitenden. Lassen sie es zu, dass in ihrem eigenen Kreis unterschiedliche Ansichten geäussert und unangenehme Fragen gestellt werden? Beides wären Mittel, Warnzeichen früher zu erkennen und falsche Entwicklungen entschlossener zu bremsen. Dass es - entgegen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ratschlägen aus der Praxis (siehe auch Sonderband «Frauen als Unternehmerinnen» des Schweizerischen Arbeitgeberverbands) - mit der Integration von Frauen in Führungsgremien harzt, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig wir immer noch von Diversität, Multikulturalität und Transparenz halten.
Da ist zum Dritten ein altes Rezept: Bildung. Breite Allgemeinbildung für alle auf der einen und Spitzenhochschulen, die sich den Fragen der Zeit offensiv stellen, auf der anderen Seite. So könnte unsere Wahrnehmung für die Risiken der hoch technisierten Gesellschaft noch besser geschärft werden.
Durch eine «zeitgemässe Leitkultur» wären Terroranschläge und Finanzkrisen wohl nicht zu verhindern. Aber sie könnte uns helfen, in guten Tagen verantwortungsvoller und in schlechten optimistischer zu sein.

© 2008 «Bilanz»

October 2008 | DRS 3

«Radio Live-Interview mit Carolina Müller-Möhl»

Interview: Sven Epiney

© 2008 «DRS 3»

August 2008 | Schweizer Arbeitgeber | Download Speech

«Gender Diversity als Erfolgsfaktor - auch im Verwaltungsrat»

Frauen sind gut fürs Geschäft. Wie wissenschaftliche Studien zeigen, tragen gemischte Führungsteams nicht nur zum Erfolg der Firma bei, sondern fördern auch die Qualität der Unternehmensführung. Frauen zu fördern, hiesse daher auch unseren wirtschaftlichen Wohlstand längerfristig zu sichern.

Dennoch mangelt es uns scheinbar an Bereitschaft, um das weibliche Potential gewinnbringend zu nutzen. Selbst hochqualifizierte Karrierefrauen haben noch immer mit strukturellen, gesellschaftlichen und politischen Hindernissen zu kämpfen. Das muss nicht sein. Warum also dauern diese Missstände fort und wie könnte die Gender Diversity effektiver gefördert werden?

«Vergessen Sie China, Indien und das Internet: Das wirtschaftliche Wachstum wird von Frauen getragen.» Diese Zeilen waren vor nicht allzu langer Zeit in einem Artikel der Zeitschrift «The Economist» zu lesen: Die Erhöhung der weiblichen Erwerbsquote in den Industrieländern habe mehr zum Wachstum des globalen Bruttosozialprodukts beigetragen als neue Technologien oder Wirtschaftskolosse wie China und Indien.(1) Frauen seien somit die am schlechtesten genutzte Ressource auf dieser Welt. Das «Wall Street Journal» meint: «Frauen sind der Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft Europas».(2) Und der «Spiegel» schreibt kurz und sec: «Die Damen sind Gold wert.»(3)
Gut fürs Geschäft

Nun kann man solche Statements entweder als völlig überspitzte und verzerrte Aussagen aufmerksamkeitsheischender Journalisten abtun. Oder man wirft einen Blick auf die neueste wissenschaftliche Literatur und erkennt, dass Frauen in Unternehmen tatsächlich gut sind fürs Geschäft. Die OECD rechnet vor, dass eine Angleichung der weiblichen an die männliche Erwerbsquote das Bruttosozialprodukt der Schweiz in den nächsten 50 Jahren um bis zu 20 Prozent erhöhen dürfte.(4) Noch konkreter sind jene Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem Anteil weiblicher Verwaltungsrätinnen und der Performance eines Unternehmens nachweisen. So fand das US-Forschungsinstitut Catalyst heraus, dass jene Unternehmen mit den meisten Frauen in Verwaltungsgremien einen um bis zu 34 Prozent höheren Total Return to Shareholders (TRS) und einen um 35 Prozent höheren Return on Equity (ROE) aufwiesen als die Firmen mit dem schlechtesten Geschlechterverhältnis.(5) Ähnliche Zusammenhänge wurden auch in einer dänischen Studie mit 2500 Unternehmen nachgewiesen.(6) Und eine kürzlich erschienene Untersuchung von McKinsey & Company weist ebenfalls in dieselbe Richtung. Gender Diversity wirke sich nicht zuletzt auch positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens aus.(7) Es scheint, als liege ein immenses Potential für nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg quasi auf der Strasse - und doch wird dieses bis heute beharrlich ignoriert. Zwar ist der Anteil von Frauen in wirtschaftlichen Entscheidungspositionen in den letzten Jahren gestiegen: Seit 1991 hat sich der Anteil berufstätiger Frauen in Schweizer Unternehmensleitungen fast verdreifacht, von 3,4 auf 9,7 Prozent im Jahr 2006 (jener der Männer stieg von 10,9 auf 17,3 %).(8) Vergleicht man dann aber den Frauenanteil in den Verwaltungsräten der 12 SMI-Unternehmen mit anderen börsennotierten Firmen in Europa, dann erreichen diese mit einem Frauenanteil von 9 Prozent nicht einmal den EU-Durchschnitt (11 %). (9) Skandinavische Länder wie Norwegen und Schweden, aber auch Bulgarien, Slowenien oder Lettland sind uns da um Längen voraus.

© 2008 «Schweizer Arbeitgeber»

August 2008 | Schweizer Arbeitgeber | Download Interview

«Weiblichkeit als Erfolgsfaktor im Verwaltungsrat»

Round-Table-Gespräch: Weibliche Führungsqualitäten sind nachweislich eine grosse Bereicherung in Verwaltungsräten und im Management.

© 2008 «Schweizer Arbeitgeber»

August 2008 | punkt.ch | Download Column

«Nicht nur in der Schule lernen wir Akzente»

Für viele Kinder steht der erste Schultag kurz bevor. Die meisten freuen sich riesig. Doch in den Köpfen ihrer Eltern machen sich bereits die ersten Sorgen breit. Wird sich mein Sohn integrieren können? Wird meine Tochter im Rechnen genügend gut abschneiden?

Natürlich, solche Sorgen helfen nichts – im Gegenteil: Sie sind meist Teil des Problems. Denn damit werden schädliche Vorurteile am Leben erhalten. Tatsache ist: Das Geschlecht eines Kindes sagt nichts über dessen schulische Leistungsfähigkeit aus. Das hat eine im Magazin «Science» veröffentlichte Studie klar gezeigt. Demnach sind Mädchen in der Mathematik nur dann schwächer, wenn auch ihr Land bezüglich Gleichstellung im Hintertreffen ist. In Ländern hingegen, wo die Gleichstellung besser funktioniert, beherrscht Gretel das Einmaleins so gut wie Hänsel!

Selbstverständlich soll die Schule Chancengleichheit schaffen. Aber sie kann das nur, wenn Familien, Wirtschaft und Politik mitziehen. Gleichstellung kann nicht erst auf der Schulbank erlernt werden.

Chancengleichheit leben – das beginnt schon mit kleinen Ermunterungen im Kinderzimmer. Am wichtigsten aber sind die Vorbilder: dass neben den Vätern auch die Mütter zeigen, dass sie Leistungen erbringen wollen und erbringen können, und dass sie darauf stolz sind.

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir – umgekehrt gilt das auch: Nicht nur in der Schule, sondern auch im Leben lernen wir!

© 2008 «punkt.ch»

July 2008 | punkt.ch | Download Column

«Frauenpower setzt neue Akzente»

Die Ferienzeit bietet die Chance, auch mal die Rollen zu wechseln. Jetzt können Männer mal den Haushalt und das Kinderhüten organisieren. Und die Frauen können mal ausspannen. Vielen wird erst im Ferienhäuschen bewusst, wie stark wir uns im normalen Berufsleben in Rollen zwängen lassen.

Besonders problematisch ist es, wenn diese Rollen uns benachteiligen. So hat eine US-Studie gezeigt, dass Investoren für einen dreimal höheren Geldzufluss sorgen, wenn Männer statt Frauen an der Spitze von Konzernen stehen. An solchen Vorurteilen wird sich wenig ändern, solange auch bei uns in der Schweiz nur vier Prozent der Mitglieder von Geschäftsleitungen weiblichen Geschlechts sind.

Dabei können Frauen gut haushalten: Sie müssen nämlich im Schnitt für gleiche Leistungen immer noch mit deutlich weniger Lohn auskommen als die Männer – für besonders Unbelehrbare der bittere Beweis, dass man von Berufsfrauen Topleistungen im Finanzcontrolling erwarten kann!

Es ist wie in Seldwyla: Wir pflegen Vorurteile und ignorieren, was gesunder Menschenverstand und zahlreiche Studien uns immer wieder sagen: Dass uns gemischte Führungsteams deutlich weiter bringen würden. Dass Erziehungsarbeit schon zum Wohl der Kinder geteilt werden muss. Und dass Frauenpower in Chefetagen neue Akzente setzt. Ein bisschen Ferien sollte immer sein – wenn wir darunter den Rollenwechsel mit nachhaltiger Wirkung verstehen.

© 2008 «punkt.ch»

June 2008 | Unternehmerzeitung | Download Interview

«10 Fragen an Carolina Müller-Möhl»

1. Warum sind Sie Unternehmerin mit einer Investmentgesellschaft geworden?
Das war vor acht Jahren. Nach dem Unfalltod meines Mannes musste ich entscheiden, was mit mir und mit dem Unternehmen geschehen sollte. Mich aus unseren Engagements davonzustehlen, kam nicht in Frage. Die Verantwortung für die Familie wie auch für die Unternehmen, in die wir investiert hatten, war zu gross. Also nahm ich die Herausforderung an. Wir haben inzwischen bei massgeblichen Beteiligungen in Verwaltungsräten deutliche Akzente setzen können und zudem eine für uns angemessene Anlagestrategie entwickelt und umgesetzt.

2. Wenn nichts unmöglich wäre, was ist Ihr Traumjob?
Kühne Träume habe ich immer mal wieder, und das wird hoffentlich noch lange so bleiben! Zu meinen alten Träumen gehört es, «political documentaries» zu machen. Grundsätzlich bin ich aber mit meinem Berufsleben sehr zufrieden, denn ich kann in meiner täglichen Arbeit verwirklichen, was mir wichtig ist: Unternehmerisches Handeln mit gesellschaftspolitischem Engagement verbinden.

3. Was mögen Sie nicht an Ihrer Branche?
Speziell die Finanzbranche leidet oft an zu grosser Oberflächlichkeit. Dass hinter den Zahlen immer auch Unternehmen, Menschen, eine ganze Gesellschaft mit ihren ethischen Fragen stehen, kann leicht vergessen gehen. Jede Branche hat solche Kurzsichtigkeiten, nur sind sie hier, wie die jüngste Finanzkrise zeigt, verheerend. Mein Beitrag kann also darin bestehen, Entscheidungen vorzubereiten und mitzutragen, die nachhaltig sind.

4. An welches Ereignis in Ihrer Karriere erinnern Sie sich am liebsten?
Aus jüngerer Vergangenheit ist mir ein unternehmerischer Entscheid in sehr positiver Erinnerung. Es ging darum, eine Beteiligung mit Perspektiven, die wir über zehn Jahre aktiv begleitet und entwickelt hatten, nach dem «best owner»-Prinzip in die Partnerschaft mit einem Branchenführer einzubringen. Dadurch konnte die Basis geschaffen werden, um das Potential für weiteres profitables Wachstum und substantielle Synergien zukunftssichernd zu nutzen. Gerne erinnere ich mich auch an Momente, in denen sichtbar wird, dass sich mein gesellschaftspolitisches Engagement gelohnt hat und ich den Erfolg und die Begeisterung darüber mit anderen teilen kann – wie beispielsweise, als wir die Abstimmung zur Zürcher Volksschulreform mit 70 Prozent Ja-Stimmen gewonnen hatten.

5. Was war Ihr grösster Fehlentscheid?
Fehlentscheide sind ja deshalb so ärgerlich, weil sie meist im Kleinen beginnen und man sie zu spät bemerkt. Aber wer Entscheidungen fällt, trifft eben auch einmal die Falsche. Aus jedem Fehler etwas zu lernen, ist das entscheidend Wichtige im Berufsleben.

6. Welche Persönlichkeit hätten Sie schon immer einmal gerne getroffen?
Den Philosophen Peter Bieri, der mich inspiriert, Alice Schwarzer, deren Kampf für Gleichstellung immer noch nicht zu Ende ist, Warren Buffet, von dem man als Investor lernen kann, Rania von Jordanien, die Prominenz mit Glaubwürdigkeit zu verbinden weiss, Muhammad Yunus, der aufzeigen kann, dass kommerzielle und entwicklungspolitische Ziele keine Widersprüche sein müssen, und Herbie Hancock, dessen Jazzmusik zeigt, dass man zugleich virtuos und fröhlich sein kann.

7. Worüber können Sie sich ärgern?
Über Arroganz und Intoleranz, über Schmalspurigkeit und dummes Geschwätz. Und über meine manchmal etwas sehr direkte Ehrlichkeit anderen Menschen gegenüber.

8. Wie erholen Sie sich am besten vom Stress?
Besser ist natürlich Stressprävention! Und die beginnt damit, dass ich häufiger Nein sage, wenn ich die nächsten Monate verplanen muss.

9. Was zeichnet die Schweizer Wirtschaft aus?
Dass wir ein innovatives Land mit einer hohen Quote von etablierten Unternehmerinnen und Unternehmern sind. Ich bin stolz auf gesellschaftliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen, die das ermöglichen. Aber es ist auch kennzeichnend für uns, dass wir manchmal die Aufgabe verpassen, diese Bedingungen laufend anzupassen und zu verbessern. Hinsichtlich der gleichen Chancen für Mann und Frau im Beruf müssen wir deutlich besser werden.

10. Was wünschen Sie sich für die Schweiz?
Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Sie ist die Ressource, aus der unsere Selbstbestimmung und unser Wohlstand entstehen. Sie verbindet Leistung mit Verantwortung, Freude an sich selber mit dem Engagement für andere. Nur eine gebildete Schweiz wird es schaffen, sich selbstbewusst in die Europäische Integration und die Globalisierung einzubringen.

© 2008 «Unternehmerzeitung»

May 2008 | Bilanz | Download Column

«Höchstleistung hat ein Gesicht»

Dieser Sommer ist die Saison der Höchstleistungen. Ob in Sport, Wirtschaft oder Politik: Es zählen persönliche Ressourcen und die Förderung im Umfeld.

Sportliche Höchstleistungen sind das Thema dieses Sommers. Ob an der Euro 08 oder bei den Olympischen Spielen: Erneut werden wir fasziniert sein vom Schweiss auf den Gesichtern und von der Tatsache, dass der Wille stärker sein kann als Schmerz und Erschöpfung.

Die «Saison» der Höchstleistungen wird dieser Tage in Thun eröffnet, am Swiss Economic Forum zu diesem Thema. Gäste wie der fünfmalige Olympiagewinner im Schwimmen John Naber oder Rudy Giuliani bauen dabei Brücken zwischen Wirtschaft, Sport und Politik. Der Swiss Economic Award 2008 geht an herausragende Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer, die der Zukunft ihren Stempel aufdrücken werden.

Der Anlass bestätigt erneut: Höchstleistung hat immer ein Gesicht. Sie hat eine Geschichte. Sie ist das Ziel und das Werk einer Person, die den Willen dafür aufgebracht hat. Die das richtige Umfeld gesucht, gefunden oder sich selber geschaffen hat.

Erfolgsrezepte für Unternehmer können uns deshalb nur mässig interessieren. Eine beliebige Formel X des Bestsellerautors Y hört sich meistens einfach an. Meist verliert sie ihren Zauber, wenn sie im Alltag umgesetzt werden soll. Lehrreicher sind aus meiner Sicht direkte Begegnungen mit Topleuten. Drei Faktoren fallen mir immer wieder besonders auf:

Erstens die persönliche Einstellung und die Motivation. Beides kann nur individuell erarbeitet werden. Leidenschaft, Ehrgeiz und Enthusiasmus beschreiben mentale Ressourcen aus dem Innersten einer Person. Deshalb kann es ohne Freiheit keine Höchstleistung geben. «Asiatische» Methoden des Drills sollten wir nicht schlecht machen aus Überheblichkeit und Neid. Trotzdem: Sie sind nur ein Mittel zum Zweck. Sie sagen nichts darüber aus, ob die mit ihnen verfolgten Ziele auch erstrebenswert sind.

Ob jemand mit emotionaler Intelligenz Konflikte lösen kann; ob er mit Organisations- und Führungstalent finanzielle Gewinne erwirtschaften oder mit der puren Kraft seiner Arme und Beine Olympiamedaillen erwirbt: Die Frage, wofür es sich lohnt, sein Leben einzusetzen, kann nur individuell entschieden werden.

Zweitens spielen körperliche Fitness und andere Formen physischen Wohlbefindens eine entscheidende Rolle. Stressbewältigung ist immer auch eine Frage von Bewegung und Entspannung. Was dem einen die Marathonteilnahme, ist dem anderen der Fischgang auf einem frühmorgendlichen See und dem Dritten das Rosenbeet in seinem Garten.

Drittens ist Höchstleistung nicht ohne ein geeignetes Umfeld zu haben. Dass Förderung durch Forderung geschieht, wissen wir inzwischen gut. Dass Förderung aber unabdingbar ist, wenn Höchstleistungen erwartet werden, ist das kleine Einmaleins, das heute vor allem in Sport und Schule breit angewendet wird. Weshalb hat die Wirtschaft gerade diese Lektion bisher nicht in allen Bereichen gelernt? Immerhin: Die Lehrlingsförderung im dualen Berufsbildungssystem bildet eine Grundlage der Volkswirtschaft und hat ungeheure Integrationsleistungen erbracht. Jetzt müsste es gelingen, das kleine Einmaleins des Forderns und des Förderns auch zur Integration leistungswilliger Frauen, zur Umsetzung von Innovationen und zur Ausbildung interdisziplinärer Exzellenz einzusetzen.

Das alles geht nicht ohne ein entsprechendes politisches Klima. Wenn Gesetze Neues verhindern statt ermöglichen, wenn nur Leistungsschwächere und nicht auch Leistungswillige gefördert werden, wird das Spektakuläre nicht mehr in unserem Land passieren, sondern anderswo - vielleicht eben in China.

© 2008 «Bilanz»

March 2008 | Bilanz | Download Column

«Unternehmertum in Bewegung»

Der Winter hat Bewegung ins Unternehmertum gebracht. Nur über die verstärkte Wahrnehmung ihrer sozialen Verantwortung kann die Wirtschaft erfolgreich bleiben.

Es war ein toller Winter. Die Tourismusbetriebe boomten. Der Sport sorgte für Spannung und Begeisterung. Und unsere Vorstellungen von Unternehmertum sind in Bewegung geraten.
Die neuen Töne kamen zunächst aus dem Schnee, vom Weltwirtschaftstreffen WEF in Davos, das dieses Jahr im Zeichen der «Kraft der kooperativen Innovation» stand: Bill Gates warb für einen kreativen Kapitalismus, viele CEO und Verwaltungsräte globaler Konzerne bekannten sich explizit zur sozialen Verantwortung der Wirtschaft, und die Klaus Schwab Stiftung präsentierte die Social Entrepreneurs des Jahres. Speziell Schwabs Stiftung unterstützt schon seit langem Unternehmer aus aller Welt, die sich sozial engagieren.
Was kooperative Innovation weiter bedeuten kann, brachte die Gruppe Young Global Leaders ebenfalls in Davos auf den Punkt. Dabei handelt es sich um eine Vereinigung Hunderter junger Unternehmensführer, Politiker und Intellektueller aus aller Welt - vom Bürgermeister aus Yokohama über den CEO aus Indien bis zum Forscher aus Spanien- mit dem Ziel, die entscheidenden Akteure von morgen schon heute miteinander zu vernetzen und gemeinsam Strategien für die grossen Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln. Jedes Jahr nominiert ein Komitee, präsidiert von Königin Rania von Jordanien, weitere 200 bis 300 Persönlichkeiten unter 40. So entsteht quasi ein global vernetzter Think Tank des sozialen Unternehmertums, der sich in zahlreichen Task Forces mit Themen wie Umweltschutz, Diversity oder Armut befasst. Denn eines ist klar: Obwohl nicht die heutige Generation die globalen Probleme hauptsächlich verursacht hat, liegt es an ihr, sie zu lösen.
Wie kann und soll man nun im Jahr 2008 Unternehmen gründen und führen, wenn die Erde wärmer, das Wasser knapper und die Armen ärmer geworden sind? Wie kann man gründen und führen, wenn die Wirtschaft noch asiatischer und noch vernetzter wird, wenn das Leben der Menschen noch länger dauert, wenn Mitarbeitende noch viel besser gebildet, unabhängiger und multikultureller geworden sind?
Es gibt auf diese Fragen zwei Antworten, eine alte und eine neue. Erstens: Unternehmertum bleibt im Kern das, was es schon immer war. Eine Aufgabe für initiative, leistungswillige, marktorientierte und ausdauernde Personen. Sie müssen optimistisch und kreativ sein, Chancen nutzen, Marktfähigkeit herstellen und erhalten.
Die zweite Antwort lautet: Heute Unternehmer zu sein, heisst, gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Und das sehr direkt. Und sehr aktiv. Der Grund ist einfach: Die Probleme auf der Agenda spielen sich nicht nur weit weg, in der sogenannten «Dritten Welt» oder irgendwo «draussen in der Natur» ab. Sie werden die Produktionsbedingungen fast aller Unternehmen in den nächsten Jahrzehnten direkt verändern. Es ist moralisch nicht verwerflich, sein kreatives Potenzial gleichzeitig in den Dienst des Kapitals und der Gesellschaft zu stellen. Im Gegenteil. Denn wenn sich unsere Unternehmen und Unternehmer nicht diesen Herausforderungen stellen, dann werden es andere tun - und damit nachhaltige Gewinne erzielen. Wir brauchen also mehr denn je kooperative Innovation in der Wirtschaft!
Das haben viele Unternehmer erkannt und reagieren entsprechend. Sei es mit einer konsequenten Förderung und fairen Behandlung der Mitarbeiter, einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Dialog oder nachhaltigen Produktionsbedingungen. Heute gilt: Die Wahrnehmung der sozialen Verantwortung in Unternehmen ist nicht mehr «nice to have», sondern prägt zunehmend das Bild einer Unternehmung beim Kunden und in der Gesellschaft. Sie ist aber nicht mit Wohltätigkeit zu verwechseln. Vielmehr ist diese Verantwortung zu einer ganz konkreten strategischen Aufgabe geworden, die unsere volle Aufmerksamkeit verlangt und immer mehr zur Bedingung des wirtschaftlichen Erfolgs wird.
Nicht zuletzt mit den Verwerfungen an den Kreditmärkten und den Schwierigkeiten mancher grosser Unternehmen stellt sich heute die Frage nach dem Unternehmertum neu. Und es bietet sich die Chance einer zukunftsorientierten Neudefinition. Wenn das kürzlich zum 35. Mal gestartete Hundeschlittenrennen Iditarod dafür Pate stehen könnte, so wäre das kein schlechtes Zeichen: Es führt über gefährliche Trails in Alaska, wo nur umsichtiges Handeln, Ausdauer und Teamwork zum Ziel führen. Und seine historische Wurzel bestand darin, auf unkonventionellem, aber leistungsfähigem Weg Bedürftigen Hilfe zu bringen.

© 2008 «Bilanz»

February 2008 | Bilanz | Download Column

«Management gegen Mobbing»

Über psychischen Stress am Arbeitsplatz: Unsere Gesellschaft ist zwar erfolgreicher, aber auch ungemütlicher geworden. Mobbing kommt die Wirtschaft teuer zu stehen.

Psychischer Stress wird häufig tabuisiert - oder stillleidend ertragen. Doch jüngste Schlagzeilen rufen es uns wieder in Erinnerung: Unsere Gesellschaft ist vielleicht erfolgreicher, aber auch ungemütlicher geworden. Trotz Wohlstand und Bildung gehören Belästigung, Intrigen, Drohungen und Ausgrenzung in Schulen, in der Politik und leider auch in der Wirtschaft zum Alltag. Kaum mehr ein Bereich, der davon ausgenommen wäre. So hat die jüngste Studie des Seco und des Büros für Gleichstellung gezeigt, dass nicht weniger als die Hälfte aller Erwerbstätigen - also Frauen wie Männer - sexuelle Belästigungen schon mindestens einmal erlebt haben. Das Spektrum reicht von abschätzigen Sprüchen bis zu unerwünschten Berührungen oder schweren körperlichen Übergriffen.
Die acht Prozent aller Erwerbstätigen, die Mobbing-Opfer sind, bilden auf dem Papier zwar eine kleinere Zahl. Es sind damit aber nicht weniger als 301 000 Berufstätige, die etwa Ausgrenzung oder verdeckte Gewalt am Arbeitsplatz erleben! An unseren Schulen und Universitäten sind es zehn Prozent und damit weit über 100 000 Schüler und Studenten. Und gerade in der Schule hat dies gravierende Folgen, denn hier findet soziales Lernen statt!
Erschreckende Zahlen - aber leider nur die Spitze eines Eisbergs. Viel grösser ist der Kreis jener, für die dauernde psychosoziale Spannungen und hoher Stress im Beruf zur «Normalität » geworden sind. Alle drei Phänomene, also sexuelle Belästigungen ebenso wie dauernde Spannungen und Mobbing, treten unabhängig von Geschlecht, Alter, Nationalität, hierarchischer Stellung oder Leistung auf. Die gesundheitlichen Folgen sind oft verheerend: Mobbing, als gezielte Aggression gegen Personen während längerer Zeit, führt in vielen Fällen zu Depressionen, Nervosität, vollständiger Arbeitsunfähigkeit und im Extremfall gar zu Selbstmord.
Man hört das Argument, dass schon frühere Generationen sich durchzubeissen hatten. All die Mobbingklagen seien sowieso das Resultat einer schleichenden Verweichlichung der jüngeren Generation, und wir sollten uns, statt zu klagen, lieber über die tiefe Arbeitslosigkeit freuen. So schliesst man die Augen vor dem Missstand, um den es hier geht. Auch die Schweizer Gesellschaft lebt davon, dass wir gesund, innovativ und kreativ sind und dass wir Teamgeist beweisen - politisch in Konkordanz und Föderalismus, wirtschaftlich in interdisziplinären Teams. Die Schweiz zeichnet sich international dadurch aus, dass wir mit motivierten Persönlichkeiten Top-Dienstleistungen erbringen.
Da können wir uns solche Zustände ebenso wenig leisten wie die daraus folgenden personellen Ausfälle und Wechsel, Produktivitätsverluste und Gesundheitskosten. Die vom Seco untersuchte «Stress-Epidemie» verursacht jährlich vier Milliarden Franken an Produktionsausfällen. Gerade hat die Universität Zürich errechnet, dass mittlerweile jeder fünfte Einwohner in der Schweiz von nervlichen oder psychischen Problemen betroffen ist.
Der Rhythmus, in dem Leistung erbracht werden muss, ist schneller geworden, die Konkurrenz auch innerhalb von Firmen wird härter, die Arbeitsplätze sind unsicherer geworden, Berufsbilder und Geschlechterrollen sind ins Wanken geraten. Das alles muss uns aber nicht zum Verhängnis werden. Leistung kann auch aus Freude erbracht, Konkurrenz als stimulierend erlebt werden. Entscheidend ist nicht, dass wir uns bitteren Erfahrungen, Kritik und steigenden Anforderungen entziehen müssten. Entscheidend ist, dass wir trotz Wettbewerb keine Feindseligkeit, trotz Qualifikation keine Demütigung, trotz Kritik keine Einschüchterung zulassen, dass Sympathie nicht in Belästigung umschlägt.
Diese Grenzen zu ziehen, ist die gemeinsame Aufgabe von Schulen und Unternehmen. Es gilt, den Funken frühzeitig zu erkennen, bevor es zum Flächenbrand kommt. Prävention, Schulung, Beratung, proaktives Management von Konflikten und Vorbilder sind dazu tauglichere Mittel als Leitbilder, die Lippenbekenntnisse zu Respekt und persönlicher Integrität enthalten. Es gibt engagierte Unternehmen und aufmerksame Schulleitungen, die sich aktiv mit dem Mobbingproblem befassen - es gibt aber noch zu viele, die dies nicht tun.

© 2008 «Bilanz»

February 2008 | Handelszeitung | Download Interview

«Haben unseren Risikoappetit reduziert»

Erstmals sprechen die Präsidentin der Müller-Möhl Group sowie deren CEO, Beat Näf, über ihre künftige Strategie und die Repositionierung der Familienholding. Nach der deutlichen Reduktion der DKSH-Beteiligung hält die Gruppe keine grossen Einzelinvestments mehr.

Interview: Martin Spieler

Die Müller-Möhl Group hat ihre Beteiligung an der DKSH auf knapp 5% reduziert: Warum?
Carolina Müller-Möhl: Dieser Schritt entspricht unserer Strategie, eine breite Diversifikation zwischen den verschiedenen Assetklassen wie Aktien, Private Equity, Immobilien, Obligationen etc. als auch innerhalb der Assetklassen zu erreichen. In Bezug auf die Diversifikation innerhalb der Assetklassen gibt uns der Teilverkauf von DKSH einerseits mehr Handlungsfreiheit im Bereich der Direktinvestitionen. Andererseits ermöglicht er uns, breiter in Emerging Markets wie China, Indien, Südamerika und Osteuropa zu investieren.
Wie gross ist der Erlös aus dem Verkauf der DKSH-Beteiligung?
Beat Näf: Über den Preis wurde unter den Parteien Stillschweigen vereinbart.

Die DKSH profitiert stark vom Asien-Boom: Sind Sie nicht zum falschen Zeitpunkt ausgestiegen?
Näf: Wir glauben an den Asien-Boom und sind überzeugt, dass sich die positive Entwicklung von DKSH fortsetzen wird, sonst wären wir nicht in einem so hohen Umfang weiterhin an der Gesellschaft beteiligt. Allerdings fokussiert sich die DKSH vor allem auf Südostasien. Wir möchten unsere Investments auch in Asien breiter diversifizieren.

Wo genau werden Sie investieren?
Müller-Möhl: Zum Beispiel in Indien. Da prüfen wir verschiedene Investitionen.

Können Sie das konkreter nennen?
Müller-Möhl: Nein, unsere Due Diligence läuft noch.
Näf: Wir haben schon in der Vergangenheit einige mögliche Investitionen angeschaut. Aufgrund des grossen DKSH-Engagements konnten wir diese damals aber nicht berücksichtigen.

Auf welche Branchen werden Sie in Asien setzen?
Näf: Wir setzen weniger auf exportorientierte und mehr auf binnenorientierte Branchen. Beispiele sind die Elektrizität und generell die Infrastrukturbranche.

Aber Sie fassen auch Direktinvestitionen in einzelne Firmen ins Auge?
Müller-Möhl: Ja. Wir sind auch offen für Direktinvestitionen in den Emerging Markets. Unser Hauptfokus betreffend Direktinvestitionen ist allerdings die Schweiz sowie das schweiznahe Ausland. Zudem schauen wir uns auch neue Anlagethemen an, zum Beispiel den Bereich Mikrofinanz. Sind Sie da bereits engagiert?
Näf: Ja, wir sind im Bereich Mikroversicherung über eine Start-up-Firma in Lateinamerika engagiert. Und wir prüfen gerade eine Investition in einen Mikrokredit- Fonds. Die Renditen aus dem Mikrofinanzsektor sind ziemlich unabhängig vom Rest des Portfolios und erhöhen somit dessen Diversifikation. Müller-Möhl: Da wollen wir auch unternehmerische Akzente setzen. Ebenso wie bei den Direktinvestitionen verfolgen wir hier eine langfristige Optik.

Wo ist die Müller-Möhl-Gruppe derzeit investiert?
Näf: Wir verfügen heute über ein sehr breit diversifiziertes Portfolio. Angesichts der unsicheren Lage der Weltwirtschaft haben wir im letzten Jahr entschieden, einen Anteil des Cash-Bestandes nicht zu reinvestieren. Das werden wir in naher Zukunft wahrscheinlich weiter so handhaben.

Sie sind somit pessimistisch für die Entwicklung der Finanzmärkte?
Näf: Die Märkte sind momentan extrem volatil und stark technisch getrieben. Wir wollen nicht zum falschen Zeitpunkt einsteigen.

Welches sind die grössten Investments der Gruppe? Können Sie Firmen nennen?
Müller-Möhl: Anders als früher halten wir keine grossen Einzelinvestments mehr, abgesehen von unserer DKSH-Beteiligung.

Grosse Aktienpakete wie früher jenes bei der Ascom halten Sie somit keine mehr?
Müller-Möhl: Nein. Wir haben unsere Anlagestrategie nach einer Restrukturierungs- und Repositionierungsphase verfeinert und über die letzten Jahre konsequent und erfolgreich umgesetzt. Sowohl nach Anlageklassen als auch nach Branchen und Regionen sind wir sehr breit abgestützt. So sind wir viel besser gewappnet gegenüber jeder Art von Krise.

Welche Bilanz ziehen Sie für die Müller- Möhl Group seit der Gründung vor acht Jahren?
Müller-Möhl: Nach dem Tod meines Mannes waren wir zusätzlich zum garstigen Marktumfeld nach der geplatzten Internetblase damit konfrontiert, dass unser Portfolio auf einige wenige Titel konzentriert war und einen hohen Fremdkapitaleinsatz aufwies. Das war eine schwierige Ausgangslage. Wir sind damals durch eine Talsohle gewandert. Aufgrund der schwierigen Erfahrungen, die wir damals machten, haben wir unseren Risikoappetit deutlich reduziert, so nutzen wir zum Beispiel kein Fremdkapital mehr. Auch Trading ist für uns kein Thema mehr. Wir haben die Liquidität der Investments stark erhöht und die Konzentration aufgelöst. Unsere beiden sichtbaren Private-Equity-Positionen, DKSH und Plus Orthopedics, hatten wir bis zum Verkauf über zehn Jahre hinweg über den Sitz im Verwaltungsrat mitgeprägt.

Wie hoch sind die finanziellen Mittel der Müller- Möhl-Gruppe?
Näf: Als familiengehaltene Holding nennen wir keine Zahlen.

Die «Bilanz» schätzt das Vermögen der Müller- Möhl- Gruppe auf 600 bis 700 Mio Fr. Ist dies richtig?
Näf: Wenn das völlig unrealistische Zahlen wären, dann wären wir korrigierend eingeschritten.

Welchen Einfluss haben die Unsicherheiten rund um die US-Kreditkrise sowie die Börsenturbulenzen auf Ihre Gruppe?
Näf: Die haben uns nur marginal getroffen. Und zwar einerseits aufgrund der hohen Diversifikation und des hohen Cash- Bestandes.
Müller-Möhl: Wir beobachten die Märkte sehr genau. Wir glauben aber noch nicht, dass der Zeitpunkt für den breiten Wiedereinstieg gekommen ist.

Weil Sie erwarten, dass sich die Märkte noch länger nicht beruhigen?
Näf: Die Turbulenzen werden sich nicht so rasch legen. Bei der Kreditkrise kommt noch einiges auf uns zu.

Ihre Gruppe hält sicher auch Nestlé-Aktien, nachdem Sie ja Verwaltungsrätin von Nestlé sind:
Müller-Möhl: Selbstverständlich, aber unsere Beteiligung hat die meldepflichtige Schwelle nicht überschritten.

Welches spezifische Know-how bringen Sie in den Nestlé-VR ein?
Müller-Möhl: Als unabhängige und unabhängig denkende und verantwortungsvoll handelnde junge Unternehmerin und global tätige Investorin repräsentiere ich einen auch für diese Firma wichtigen Bereich unserer Gesellschaft. Als Frau, welche die Müller-Möhl-Gruppe weiterentwickelt hat und heute führt, als gesellschaftspolitisch engagierte Bürgerin und studierte Politologin wie auch als aufmerksame Konsumentin bringe ich mich in die Diskussionen ein.

Könnten Sie sich vorstellen, weitere VR-Mandate ausserhalb der Müller-Möhl- Gruppe und zusätzlich zu Nestlé und Kühne Holding zu übernehmen?
Müller-Möhl: Wenn neue Anfragen kommen, werde ich diese prüfen. Aber ich möchte auch Zeit haben, mich gesellschaftspolitisch zu engagieren.

Neben Ihrem Präsidium der Müller-Möhl- Gruppe sind Sie Jurypräsidentin des Swiss Economic Awards: Wie können wir das Unternehmertum in der Schweiz stärken?
Müller-Möhl: In erster Linie geht es darum, dass wir Innovation und Leistung öffentlich zeigen und dass wir diejenigen belohnen, die sich für Unternehmen einsetzen. Der Swiss Economic Award leistet da einen Beitrag, selbst wenn es letztendlich nur ein Tropfen auf dem heissen Stein ist. Wir haben auch dieses Jahr wieder viele gute Bewerbungen für den Award bekommen. Und, das freut mich speziell, wir konnten den Anteil der Bewerbungen von Frauen durch gezielte Bemühungen verdoppeln.

Wie können vermehrt Frauen zum Unternehmertum ermutigt werden?
Müller-Möhl: Betreffend Frauen gibt es unendlich viele Ansatzpunkte. Sie werden leider nur noch zu wenig konsequent verfolgt. Wichtig ist ganz sicher eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und da sind Politik und Unternehmen gleichermassen gefordert. Wichtig sind steuerliche Massnahmen, aber auch mehr Kinderbetreuungsplätze, mehr Ganztagesschulen und nicht zuletzt eine Bereitschaft der Unternehmensleitung, Frauen wirklich zu befördern.

Und das machen die Unternehmen zu wenig?
Müller-Möhl: Es gibt zwar viele positive Impulse, aber in den Unternehmen wird noch eindeutig zu wenig zur Förderung beziehungsweise zur Gleichstellung der Frauen unternommen.

Befürworten Sie gesetzliche Frauenquoten in Verwaltungsräten?
Müller-Möhl: Die Frage der Quote ist eine Gratwanderung. Doch wo keine Vorbilder sind, gibt es keine Nachahmerinnen. Meines Erachtens darf man die Argumente für Quoten nicht einfach wegwischen. Andererseits will keine Frau eine Quoten- Frau sein. Es gibt genügend kompetente Frauen. Es wäre eigentlich schade, wenn man das gesetzlich regeln müsste.

© 2008 «Handelszeitung»

November 2007 | Bilanz | Download Column

«Kompliment an Couragierte»

Wer sich für das Allgemeinwohl einsetzt, sollte mehr Anerkennung finden. Damit sich in unserem Land ein Nährboden für Zivilcourage bilden kann.

Von Carolina Müller-Möhl

So viele waren es noch nie. Insgesamt über 3200 Frauen und Männer hatten dieses Jahr für einen Sitz im National- oder im Ständerat kandidiert. Gegen 240 von ihnen sind schliesslich gewählt worden, genau 59 Frauen und 141 Männer (in vielen Kantonen sind zweite Wahlgänge nötig). Um diese Gewählten wird sich die Berichterstattung der nächsten Jahre drehen. Was aber geschieht mit den Nichtgewählten?

Sie haben etwas getan, das selten ist: Sie haben Zeit, Energie und oft auch eigene Mittel investiert, ohne dass ihnen daraus persönlicher Nutzen erwächst. Klar: Ein Wahlkampf steigert die eigene Bekanntheit, aber er bringt auch Kosten, Kritik und Erschöpfung. Es ist erfreulich, wie viele immer wieder bereit sind, einen Wahlkampf auf sich zu nehmen. Die Politik mit ihrem Milizsystem spielt hier eine Vorreiterrolle.

Mehr Zivilcourage wäre aber auch in anderen Bereichen und fernab des Rampenlichts nötig. Denn Kameras sind meist nur auf die Hunderte von Gewählten gerichtet, nicht auf die Tausende von Nichtgewählten. Die Nachrichten drehen sich um die Gewaltdelikte von wenigen Jugendlichen, nicht um die Gewaltprävention Zehntausender von Eltern und Lehrpersonen. Die Recherchen gelten den Aktivisten des Fremdenhasses und des Antisemitismus, aber selten jenen, die sich an Arbeitsplatz und Familientisch für Toleranz einsetzen. Wer Zivilcourage übt, stellt den eigenen Vorteil zurück. Sich für das Wohlergehen anderer einzusetzen, ist wichtiger. Deshalb bedeutet Zivilcourage Fortschritt, wenn auch nur im Kleinen. Und doch kostet sie ebenso viel Nerven und Kraft wie eine politische oder sportliche Höchstleistung.

Zwar gibt es mittlerweile Preise für couragierte Zeitgenossen, den «Prix Courage» etwa oder auch den «Ritter der Strasse». Zu Recht: Sie rücken das ins richtige Licht, was jene tun, die im entscheidenden Moment Mut beweisen. Und sie fördern Nachahmer. Sei es der Mitschüler, der sich für den Schwächeren einsetzt, eine engagierte Journalistin im Kampf für Menschenrechte und Meinungsfreiheit oder die protestierenden Mönche in Burma - überall zeigt sich, wie viel Zivilcourage bewirken kann.

Überall zeigt sich aber auch, dass Couragierte mit harten Reaktionen rechnen müssen. Nicht ungestraft stellen sie sich gegen gesellschaftlichen Mainstream, die Parteilinie oder die Autorität von Vorgesetzten. Entsprechend erfahren sie Kritik oder gar Ächtung. Aber hätte es denn die Demonstrationen der DDR-Bürger und damit die deutsche Wiedervereinigung gegeben, wenn Menschen stets nur den Weg des geringsten Widerstands gewählt hätten? Hätte es die Befreiungsbewegung in Indien und damit die Entkolonialisierung im 20. Jahrhundert gegeben? Hätte es die Gleichstellung der Schwarzen in den USA gegeben, und wäre der amerikanische Traum von den Bürgerrechten jemals eingelöst worden?

Sosehr Preise und Geschichtsschreibung Zivilcourage würdigen und fördern, so wenig dürfen wir vergessen, dass sie einen gesellschaftlichen Nährboden braucht. Eine eigene Meinung zu vertreten, will gelernt sein: Ohne Schulen und das Elternhaus, die das Debattieren und Auftreten vermitteln, geht es also nicht. Sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen, braucht Vorbilder im Alltag: Ohne Medien, die den Alltag couragierter Zeitgenossen bekanntmachen, geht es also nicht. Sich gegen Routinen zu stemmen, braucht Wissen und Kreativität: Ohne eine Wirtschaft, die auch unbequeme Fragen und Frager zulässt und fördert, geht es also nicht.

Es gibt den Ausspruch, wonach ein Land weniger Helden brauche, je mehr Bürger mit Zivilcourage es habe. Das sollten wir uns mehr zu Herzen nehmen - am Familientisch, am Arbeitsplatz, in Schulen wie auch in Parlamenten, Medienredaktionen und Chefetagen. Zwar ist es noch weit bis zum Zeitpunkt, da wir auch in der Schweiz eine eidgenössische Auszeichnung für den Einsatz zugunsten des Gemeinwohls verleihen können, die mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz vergleichbar wäre. Aber zeigen wir Courage: Machen wir im Alltag die ersten Schritte dazu. Das meiste Unrecht beginnt im Kleinen - Zivilcourage ebenso!

© 2007 «Bilanz»

September 2007 | Bilanz | Download Column

«Cüpli und Kredite»

«Charity-Events» machen Furore und rufen Nachahmer auf den Plan. Doch neben dem Spenden im Ballkleid werden andere Formen, Gutes zu tun, immer wichtiger.

Gute Mode und gelungene Feste geh ören für viele zur Lebensqualität. Auch für mich. In der Schweiz und besonders in Zürich besteht daran kein Mangel – zum Glück! Seit einigen Jahren vergnügen wir uns nicht nur in der vielfältigen Zürcher Kultur- und Gastronomieszene, sondern auch an «Charity- Events». Dabei verbinden wir das Angenehme mit dem Nützlichen. Was am Presseball schon immer gang und gäbe war, hat auch bei anderen Institutionen Schule gemacht. Der Swiss Red Cross Ball und der Opernhaus-Ball sind Beispiele für die wachsende Lust, durch ein rauschendes Fest zum Spenden animiert zu werden.

Auch ausländische Mega-Anlässe wie die «Tribute to Bambi»- Show oder José Carreras’ Benefizgalen zeigen das doppelte Gebot der Zeit. Es besteht zum einen darin, Hilfe für Opfer von Aids, Krebs, Hunger und Naturkatastrophen zu leisten, zum andern, die Not von Bedürftigen überhaupt erst bekannt zu machen, bevor das Hilfsgeld fliessen kann. «Attention based charity» heisst das Erfolgsrezept. Und natürlich ist nichts dagegen einzuwenden – falls sich der Aufwand für Fernsehkameras, rote Teppiche, Cüpli und Ballroben auch wirklich durch grosse Spendenbeträge rechtfertigt.

Leider ist das nicht immer der Fall. Besonders kritisch wird es, wenn die Beträge, die geladene Gäste für ihre Abendkleider ausgeben, höher sind als die Summe, die für Tickets und Spendenlose gezahlt wird. Dann stellt sich die Frage nach Aufwand, Ertrag und Wirksamkeit dieser Art des Spendens. Zwar kann «attention based charity» Not lindern, Künstler fördern, Entwicklungshilfe leisten – vor allem dann, wenn die Anlässe dazu genutzt werden, durch Informationen über den Zweck längere Spendenbeziehungen anzubahnen.

Aber ebenso klar ist, dass daneben auch andere Formen genutzt werden sollten, Goodwill und Vermögen für eine gemeinnützige Sache einzusetzen. Es gibt inzwischen sogar besonders clevere Formen dafür. Sie haben dazu geführt, dass der private Sektor gegenüber dem Sozialwesen und der Entwicklungshilfe des Staates in letzter Zeit so wichtig geworden ist.

Ein Beispiel sind Mikrokredite. Dieses effiziente und wirkungsvolle Rezept ist bei uns eher spät bekannt geworden, dies vor allem durch das Uno-Jahr des Mikrokredits und die Verleihung von Nobelpreis und Max-Schmidheiny-Freiheitspreis an den indischen Wirtschaftsprofessor und Grameen-Bank-Gründer Muhammad Yunus. Mikrofinanzinstitute vergeben Kredite über selbst organisierte Netzwerke an Arme. Sie tun es zu Zinsen und gegen Sicherheiten, die normale Banken nicht bieten beziehungsweise akzeptieren könnten. Kreditnehmer sind in den häufigsten Fällen Frauen. Die Erfolge geben den Promotoren wie Yunus oder auch der Dariu Foundation in Vietnam recht. Die hohen Rückzahlungsquoten von fast 99 Prozent entsprächen der Bonitätsstufe AA! Hunderte von Millionen Menschen fanden dank den Krediten den Ausweg aus dem Teufelskreis der Armut. Und wenn man bedenkt, dass etwa in Afrika nach wie vor gut 90 Prozent der Bedürftigen von Mikrofinanzkrediten ausgeschlossen sind, wird auch das immense Wachstumspotenzial dieses Sektors sichtbar.

Ein anderes Beispiel ist die Möglichkeit des Spendens von Zeit und Fachwissen. Auch hier gibt es Organisationen wie das Swisscontact Senior Expert Corps, das durch die Vermittlung von beratenden Fachexperten für die Zukunft eine Bresche schlägt. Denn sie haben eine Form von Charity entwickelt, die nicht verpufft – ja die sich langfristig für alle Beteiligten sogar auszahlen kann. Denn eines ist klar: Eine solidarische Welt braucht Menschen, die ihre Existenz auf Eigeninitiativen aufbauen. Und Eigeninitiativen rufen nach unserem privaten Engagement. Dies nicht nur wegen der grossen Privatvermögen, die in den letzten Jahrzehnten aufgebaut wurden. Sondern auch wegen der Botschaft, die so wichtig ist wie wohl nie zuvor: Geld allein hilft wenig, wenn es nicht durch Menschen genutzt wird, die gute Ideen entwickelt und den Wert von Eigenverantwortung erkannt haben.

© 2007 «Bilanz»

July 2007 | Handelszeitung | Download Column

«Bildung in der Schweiz - von hoher Bedeutung»

Ohne attraktivere Betreuungsmöglichkeiten verliert die Schweizer Wirtschaft qualifiziertes weibliches Humankapital.

Wussten Sie, dass Bildung nicht nur klug, sondern auch gesund macht? Kein Scherz: Bildung steigert gemäss einer OECD-Studie den körperlichen und geistigen Gesundheitszustand. Gleichzeitig werden in der Studie aber auch makroökonomische Bezüge hergestellt: Eine längere Schulbildung einer Person führe langfristig auch zu einer Steigerung des BIP.
Hochqualifiziertes Humankapital wird für die Schweizer Wirtschaft in einer zunehmend globalisierten und arbeitsteiligen Welt zum entscheidenden Faktor. Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Frauen immer besser ausgebildet sind, der Anteil der Männer aber stabil bleibt, ist langfristiges Wachstum zwingend mit einer Erhöhung der weiblichen Erwerbsquote verbunden. Der «Economist » spricht gar von der weltweit schlechtest genutzten Ressource!
Um diese zu fördern, subventioniert allein der Kanton Zürich seine Kinderkrippen mit jährlich über 30 Mio Fr. Heikel an der ganzen Sache ist, dass damit genau jenen Müttern die Erwerbstätigkeit erschwert - nicht erleichtert - wird, von denen man sich den grössten Wachstumsschub erhofft: Jenen des Mittelstandes. Wie kommt das?
Das Schweizer Steuersystem sieht einkommensabhängige Betreuungskosten vor, was vor allem Familien mit kleinen und mittleren Einkommen entlasten soll. Aber bereits ab einem jährlichen Einkommen von 60 000 Fr. lohnt es sich für den anderen Elternteil (meist die Mutter) finanziell gar nicht, mehr als zwei Tage zu arbeiten. Dies zeigt sich umso deutlicher, je mehr Kinder eine Familie hat. Mehr Arbeiten hiesse dann paradoxerweise weniger verdienen. Erstens geht dem Wachstumsmotor der Schweizer Wirtschaft auf diese Weise quasi der Sprit aus, zweitens verliert die Wirtschaft dringend benötigtes Humankapital, und drittens werden so die demografischen und Babystreik-Probleme nicht gelöst.
Dabei stimmt die Stossrichtung durchaus: Ohne attraktivere Betreuungsmöglichkeiten ist eine Erhöhung der Erwerbsquote kaum denkbar. Optimierungspotenzial besteht vielmehr bei der Umsetzung. Eine sinnvolle Alternative wäre etwa die Einführung von Betreuungsgutscheinen, die an eine Erwerbsarbeit geknüpft sind. Klar ist: Soll Bildung nicht nur gesund, sondern auch rentabel sein, müssen gut ausgebildete Frauen auch die Chance erhalten, ihr Potenzial einzusetzen. Externe Kinderbetreuung ist also nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung - auf ideologische Scheuklappen von links und rechts können wir gut verzichten.

© 2007 «Handelszeitung»

April 2007 | Bilanz | Download Column

«Lob der Karrierefrau!»

Wollen wir global mithalten, müssen wir Frauenkarrieren fördern. Das ist ein Rezept für Wachstum, das endlich auch die Schweiz entdecken sollte.

Frauen und ihre Karriere: Sonntagspresse und Politiker haben kürzlich neue Stichworte zu einem alten Thema geliefert. So bekannte Ueli Maurer, der Vollzeit-SVP-Politiker und Familienvater, er habe lieber Mütter zu Hause als Frauen, «die in Bern das grosse Wort führen». Dagegen verkündete eine Bank, das Topmanagement innert Kürze zu einem Drittel mit Frauen besetzen zu wollen. Dabei schreckt sie sogar vor Quoten nicht zurück.
Das Thema scheidet die Geister. Warum wohl nur? Haben die Schweizer den Kopf verloren? Schwarzweissmalerei trübt immer den Blick auf die Fakten. Doch diese sprechen für einmal eine deutliche Sprache. Das europäische Ausland hat sie besser verstanden als wir.
Fakt eins: Begabung kennt kein Geschlecht. Jahrzehntelang hat man nun über den kleinen Unterschied zwischen den Menschen geforscht. Wenn inzwischen eines sicher ist, dann dies: Für intellektuelle Aufgaben wählen Frauen häufig einen anderen Lösungsweg, aber sie kommen zum gleichen Ziel wie die Männer. Gene und Hormone bereichern also die Menschheit durch mehr Vielfalt. Aber sie sind kein Grund, Rangunterschiede einzuführen. Genau das aber findet in der Erziehung ständig statt. So baut in Schweizer Schulbüchern heute noch meistens Peter das Haus, und es ist Andrea, die es nachher zu putzen hat.
Fakt zwei: Berufstätige Mütter stehen immer noch unter Rechtfertigungsdruck. Die Bezeichnung «Karrierefrau» ist meist der soziale Gnadenstoss für die Betroffene. Während von Männern der berufliche Erfolg erwartet wird, gelten Frauen vor allem dann als heiratsfähig, wenn sie ihr berufliches Potenzial nicht voll ausschöpfen. Als Rabenmutter gilt, wer das Kind ganztägig durch Dritte betreuen lässt. Vorurteile verdecken, was heute jeder wissen kann: Eine qualifizierte externe Betreuung ist ausgezeichnet für die Entwicklung der Kinder. Und in der Schweiz mangelt es nicht an der Qualität, sondern an der Quantität der Krippen. Diese sind kein Luxusgut – nur schon deswegen nicht, weil viele Familien auf Zweiteinkommen angewiesen sind. Ausserdem ist der Anteil Alleinerziehender gross: 80 Prozent von ihnen sind übrigens Frauen.
Fakt drei: Die Frauen sind im Vormarsch in Sachen guter Bildung. Gleichzeitig ruft die Wirtschaft immer lauter nach hoch qualifizierten Mitarbeitern, weil sie trotz Alterung der Gesellschaft weiterwachsen will. Welches Fazit ist zu ziehen? Kein Wachstum ohne Förderung von Frauenkarrieren! Die OECD beziffert das durch konsequente Politik zu erzielende zusätzliche Wachstum beim Bruttosozialprodukt auf 20 Prozent über 50 Jahre. Doch die Schweiz ist noch weit davon entfernt, diese Chance zu packen. Das Prinzip der «gläsernen Decke» will es, dass Frauen auf dem Weg nach oben irgendwann an unsichtbare Grenzen stossen. Nur ein Drittel aller Führungspersonen der Schweizer Wirtschaft sind weiblich. Erfolgreiche Mütter wie Magdalena Martullo-Blocher (CEO Ems-Chemie) oder Eva Jaisli (CEO PB Swiss Tools) sind in dieser Gruppe gar eine grosse Seltenheit.
Die «gläserne Decke» ist nicht etwa eine Folge männlicher Intrigen. Es ist ein strukturelles Problem: Viele Unternehmen sind heute noch auf den Arbeitsmarkt von gestern ausgerichtet. Eine geschlechtsunabhängige Entlöhnung, Teilzeitarbeit und Möglichkeiten zum Wiedereinstieg nach Familienphasen sind noch immer keine Selbstverständlichkeit. Dabei geht es nicht um typische «Frauenanliegen». Das Wachstumspotenzial lässt sich nur realisieren, wenn sich auch Väter für die Kinderbetreuung begeistern. Sie könnten dafür auch mal den Sportclub und den Netzwerk-Apéro aus ihrem Kalender streichen …

Krippen, Tagesschulen, gemischte Führungsteams, Teilzeitarbeit: Das gehört zur Infrastruktur für eine wachstumsfähige Schweiz – und ist ebenso wichtig wie die Kraftwerke und Autobahnen, die uns die Eltern hinterlassen haben. Dabei gilt für diese Infrastruktur das Gleiche wie für Strassen und Energie: Immer braucht es die Menschen, die sie benützen. Keine Frauenkarrieren ohne Karrierefrauen! Es braucht tatsächlich Wille, Ausdauer, Organisationstalent und Streben nach Unabhängigkeit, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Frauen haben dasselbe Recht wie Männer, sich davon eine gute Portion abzuschneiden. So steht es übrigens schon in unserer Bundesverfassung.

© 2007 «Bilanz»

April 2007 | Bilanz | Download Column

«Eine Lobby für die Bildung!»

Die Schweiz entwickelt ihr Bildungssystem kaum weiter. Das ist fatal für unsere Wirtschaft – und für jeden einzelnen Menschen in unserem Land.

Seit dem Pisa-Schock ist es gefährlich ruhig um das Thema Bildung. Standesinteressen oder Desinteresse versperren den Blick auf das Wesentliche. Bildung braucht eine unabhängige
Lobby!
Der Boulevard ist nicht dafür bekannt, sich häufig mit Bildung auseinanderzusetzen. Doch kürzlich war es so weit: Die deutsche «Bild»-Zeitung ernannte Bernhard Bueb zum strengsten Lehrer Deutschlands. Das Buch des ehemaligen Leiters der Internatsschule Schloss Salem mit dem Titel «Lob der Disziplin» hatte für Aufruhr gesorgt. «Bild» war zur Stelle und schürte die Emotionen. Und plötzlich war sie da: die Diskussion über die Bildung der Zukunft.
So weit sind wir in der Schweiz noch nicht. Wir wähnen uns in besserer Position. Trotz Pisa-Schock vertrauen wir auf alte Stärken. Doch Stillstand bedeutet Rückschritt. Die Ruhe ist gefährlich. Wenn wir keine Vision haben, was unser Bildungssystem in zehn, zwanzig Jahren leisten soll, dann wird es sich nicht weiter entwickeln – mindestens nicht so schnell, wie es der Wettbewerb von uns verlangt.
Zwar weisen politische Sonntagsreden darauf hin, wie wertvoll der «Rohstoff Bildung» sei. Hin und wieder dürfen wir abstimmen – über Religionsunterricht oder Fremdsprachen. Berufsverbände vertreten munter ihre Interessen. Das alles ist legitim. Aber es verstellt den Blick aufs Ganze.
Ohne Bildung werden wir nicht genügend innovativ und leistungsfähig sein. Wer aber den Ast, auf dem er sitzt, mit linearen Sparübungen absägt, ist schlecht beraten. Und wer meint, es genüge, das Ausgabenniveau in der Bildung wenigstens zu halten, macht sich Illusionen. Der weltweite Wettbewerb spricht eine andere Sprache.
In Zukunft wird sich jeder Erwerbstätige mehrmals neu orientieren müssen. Schnurgerade Laufbahnen gehören der Vergangenheit an. Bildung wird dafür ein Wegweiser sein – wir brauchen sie in der Breite genauso wie an der Spitze. Dabei muss sie gepaart sein mit Leistungswillen und Selbstverantwortung. Aber unsere Bildung hat keine Lobby! Zu häufig erscheint sie nur im Zerrspiegel der Standespolitik, im Licht religiöser oder kurzfristig motivierter Interessen. Kennen Sie die Erziehungsdirektorenkonferenz? Wissen Sie, dass die Stiftung Avenir Suisse das Bildungsprogramm aus dem Portfolio kippen musste? Zu häufig delegieren Wirtschaftsvertreter das umfassende Engagement für Bildung an staatliche Organe. Durch ihr Abseitsstehen aber verlängern sie die gefährliche Ruhe in unserem Land. Diese Ruhe ist fatal. Die OECD hat nachdrücklich darauf hingewiesen, dass Bildung Wachstum schafft. Aber denken wir auch an andere Effekte: Bildung fördert Unbestechlichkeit und Sensibilität – was gibt es Besseres für das Leben in der multikulturellen Gesellschaft!
Bildung ist kein fossiler Brennstoff, der Abgas produziert und irgendwann erschöpft ist. Bildung ist eine erneuerbare Energie – sauber, sicher und leistungsfähig! Ein Land wie die Schweiz sollte begabte Jugendliche konsequent fördern. Hohe Abbruchquoten namentlich in der Berufsbildung kann es sich nicht leisten. Und es kann nicht zulassen, dass es im wichtigen Vorschulalter und der Grundstufe an Früherkennung und Frühförderung fehlt.
Die Skepsis gegenüber den Reformen im Kanton Aargau kann ich nicht verstehen. Da wird ein Gymnasium für Leistungsstarke abgelehnt, weil man angeblich Gleichheit will und Demokratie. War es nicht die Idee unserer Schulen seit je, allen die gleichen Chancen auf ein Fortkommen zu bieten – also auch den Leistungsstarken?.

© 2007 «Bilanz»

February 2007 | Cash | Download Interview

«Wir müssen Chancen mehr gewichten als Risiken»

Die Förderung des Unternehmertums gilt es zu stärken. Das sagt die Jurypräsidentin des Swiss Economic Award. Der Jungunternehmerpreis wird dieses Jahr zum 9. Mal vergeben. Eingabeschluss ist der 24. Februar.

Von: Claus Niedermann

Frau Müller-Möhl, verfügt die Schweiz über einen genügend grossen Nachwuchs an unternehmerisch denkenden Personen?
Carolina Müller-Möhl:
Wir haben in der Schweiz überdurchschnittlich viele motivierte junge Menschen, die in Theorie und Praxis sehr gut ausgebildet wurden. Was uns aber – auch im Vergleich zum Ausland – fehlt, ist der Drang vieler Jungen nach Unternehmertum, nach Selbstständigkeit. Das ist meines Erachtens eine Kulturfrage. Hierzulande ist die Angst vor einem Misserfolg grösser als beispielsweise in den USA. Bei uns läuft man leider noch immer Gefahr, nach einem ersten Misserfolg für das ganze Berufsleben gebrandmarkt zu werden. Und: Viele unserer Hochschulen fördern das Unternehmertum bei den Studierenden nach wie vor zu wenig. Dass es auch anders geht, zeigt die ETH Zürich mit ihrer erfolgreichen Venture-Initiative.
Sollten nicht schon die Primarschüler für das Unternehmertum sensibilisiert werden?
Je früher diese Sensibilisierung anfängt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Das zeigt zum Beispiel die Aktivität von Young Enterprise Switzerland. Diese private Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, anhand speziell entwickelter Unterrichtsmodule für Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen deren wirtschaftliche und unternehmerische Bildung zu verbessern. Dabei übernehmen Wirtschaftsfachleute mit grossem Erfolg den Unterricht für einige Stunden und schaffen so die Brücke zur Praxis. Aber das ist bisher nur ein Tropfen auf den heissen Stein.
Bildung, Forschung und Entwicklung sind die Basis, damit neue, innovative Firmen entstehen können. Machen der Bund und die Kantone genug dafür?
Eindeutig nicht. Der Bund will zwar seine Ausgaben in diesem Bereich in den nächsten Jahren um jeweils 6 Prozent erhöhen. Solche Anstrengungen werden durch die laufenden Sparprogramme und durch die stetig wachsende Anzahl der Studierenden nur allzu rasch wieder zunichte gemacht. Schädlich im Bildungsbereich ist auch weiterhin der «Kantönligeist». Dieser übertriebene Föderalismus lässt viele, zum Teil beachtliche Reformanstrengungen im Bildungsbereich ins Leere laufen.
Und die Privatwirtschaft?
Auch hier ist gegenüber Jungunternehmen nach wie vor eine grosse Zurückhaltung festzustellen. Man traut ihnen zu wenig zu und erschlägt sie nur zu gerne mit einem Übermass an bürokratischen Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, bis eine konkrete Förderung und Mitfinanzierung erfolgen kann.
Investieren Sie selbst in Start-ups?
Ja, wenn wir vom Management und der Businessidee überzeugt sind. Auch in diesem Jahr haben wir schon in ein Start-up investiert. Bei der Müller-Möhl Group ist uns wichtig, dass die Jungunternehmen von einer realistischen Bewertung ihrer Firma ausgehen und dass sie sehr klare Überlegungen darüber gemacht haben, wie die langfristige Weiterentwicklung und die Finanzierung aussehen. Wir erhalten viele Anfragen von Start-ups und prüfen jedes Gesuch sorgfältig.
Der Swiss Economic Award hievte erst ein einziges Mal Frauen auf das Podest. Braucht es einen speziellen Preis für Jungunternehmerinnen?
Bekanntlich gibt es in der Schweiz schon mehrere Preise für Unternehmerinnen – denken Sie nur an den renommierten «Prix Veuve Clicquot», in dessen Jury ich dieses Jahr auch mitwirken darf. Tatsache ist aber, dass wir bis anhin zu wenig Bewerbungen von Jungunternehmerinnen für den Swiss Economic Award erhalten haben – hier wollen wir Gegensteuer geben. Wir haben in diesem Jahr darum auch erstmals die grossen Frauenberufsverbände direkt angeschrieben. Auf den Erfolg bin ich gespannt.
Es sind also nach wie vor zum grössten Teil Männer, die den Sprung ins Unternehmertum wagen. Braucht es eine spezielle Förderung der Frauen?
Die Frage ist falsch gestellt. Wir brauchen keine besondere Unternehmerinnenförderung. Frauen sind für die Selbstständigkeit mindestens so gut qualifiziert wie Männer. Wir müssen jedoch viel mehr tun, um es Frauen zu ermöglichen, die Familie und den Beruf sinnvoll miteinander zu kombinieren. Dann werden wir in Zukunft automatisch mehr Unternehmerinnen haben.
Eine letzte Frage: Warum sind Schweizer Jungunternehmer in ihren Plänen oft viel zurückhaltender als ihre amerikanischen Kolleginne und Kollegen? Backen die hiesigen Start-ups zu kleine Brötchen?
Das ist sicher auch eine Frage der Mentalität. Entscheidend scheint mir aber, dass sich die Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer hierzulande mit viel mehr Bedenkenträgern auseinandersetzen müssen als in den USA. Wenn wir mit dem Swiss Economic Award dazu beitragen können, dass künftig Chancen stärker gewichtet werden als Vorbehalte und Risiken, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

© 2007 «Cash»

December 2006 | Das Magazin | Download Interview

«Bekenntnisse»

Was ich mag, was ich nicht mag.
Carolina Müller Möhl, Politologin und Investorin.

Was ich mag:
Meine Familie. Persönlichkeiten mit Meinungen, mit einer Haltung. Bach's wohltemperiertes Klavier und Abbey Lincoln's Vocal Jazz. Freiraum für sich selbst und für andere. Begegnungen, Vielfalt und Peter Bieries Gedanken im «Nachtzug nach Lissabon». Leidenschaft für das, was man tut. Die Stille der Natur, aber auch das pulsierende Leben in Hanoi, Shanghai und New York. Gregory Crewdson's Fotokunst. Empathie. Interesse am lebenslangen Lernen. Mut zu Wikipedia. Alice Schwarzers Vorarbeit. Humor. Willenskraft. Differenziertheit. Filme wie «Dancer in the dark» weil sie auch die weniger Sensiblen wachrütteln. Fairness. Meine Familie.

Was ich nicht mag:
Vorurteile. Jede Gewalt. Reaktionäres Denken und vor allem reaktionäres Handeln. Meinen Qtek, weil er mich in den entscheidenden Momenten im Stich lässt. Arroganz und Ignoranz. Die Nebelglocke über Zürich und die ständigen Optimisten. Unterdrückung. Thesenjournalismus wider besseres Wissen. Laisser faire auch und gerade in der Erziehung. Engstirnigkeit, Schubladendenken und Bünzlis aller Art. Vorurteile.

© 2006 «Das Magazin»

May 2006 | Der Bund | Download Speech

«Beruf und Familie»

Vortrag bei der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft im Casino Bern am 30. Mai 2006.

Die Wirtschaft müsse die Fähigkeiten der Frauen besser nutzen, sagte die Zürcher Unternehmerin Carolina Müller-Möhl gestern vor der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern. Sie ist Präsidentin der Müller-Möhl Group. Diese war einst die grösste Aktionärin der Ascom Holding AG in Bern. Inzwischen hat sie ihren Anteil aber auf weniger als 5 Prozent abgebaut.

Seit dem Tod ihres Mannes, Ernst Müller-Möhl, welcher im Jahr 2000 mit dem Privatflugzeug verunfallte, hat sie ihre eigene Karriere in der Wirtschaft aufgebaut. Sie ist unter anderem Verwaltungsrätin von Nestlé. Am Swiss Economic Forum in Thun präsidierte sie in diesem Jahr erstmals die Jury, welche die Jungunternehmerpreise verlieh.

Die Bildung müsse der wichtigste Ausgabenposten der öffentlichen Hand bleiben, sagte sie gestern in ihrem Vortrag im Berner Casino. «Allerdings müssen wir auch unermüdlich fordern, dass mit den 23 Milliarden Franken an öffentlichen Bildungsausgaben auch effizient gewirtschaftet wird und dass damit das Beste herausgeholt wird», sagte sie weiter. Aber auch die Wirtschaft müsse ihren Beitrag an die Aus- und Weiterbildung leisten.

Leider werde das Potenzial der gut ausgebildeten Frauen in der Schweiz noch immer viel zu wenig genutzt. Frauenförderung sei letztlich eine Frage des Willens, führte sie weiter aus. Es sei an den Unternehmen, die Voraussetzungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen. Ein Vorbild für die Frauenförderung könnte nicht zuletzt die Armee sein, meinte sie: «Die Schweiz mit ihrem hoch gelobten Milizsystem in Politik und Armee hat das Wissen darum, dass Höchstleistungen auch möglich sind, wenn man oder frau neben dem Hauptberuf noch andere Aufgaben wahrnimmt.»

© 2006 «Der Bund»

May 2006 | Berner Zeitung | Download Interview

«Jungunternehmer planen sehr genau»

Carolina Müller-Möhl ist die neue Jury-Präsidentin des Swiss Economic Award. Sie ist von der Weitsicht der Jungunternehmer beeindruckt. Der Preis wird am Swiss Economic Forum vergeben,
das heute beginnt.

Frau Müller-Möhl, Sie sind eine viel beschäftigte Frau. Warum haben Sie sich dennoch entschieden, das Jury-Präsidium des Swiss Economic Award zu übernehmen?
Carolina Müller-Möhl: Es wird immer wieder betont, wie wichtig die kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) für unser Land sind. Doch Reden alleine genügt nicht. Der Swiss Economic Award bietet den angehenden KMU eine erstklassige Plattform, um die erbrachten Leistungen zu zeigen. Ausserdem finde ich die Begeisterung ausserordentlich, mit der die beiden Jungunternehmer Stefan Linder und Peter Stähli das Forum aufgebaut und entwickelt haben. Als ich für das Jury-Präsidium angefragt wurde, konnte ich das Angebot kaum
ausschlagen.

Was haben Sie in die Jury eingebracht? Den Blickwinkel einer Frau?
Frauen beurteilen viele Dinge anders als Männer. Das ist sicher ein Aspekt. Ein anderer Erfahrungshintergrund, den ich einbringe, ist meine sechsjährige Tätigkeit bei der Müller-Möhl Group.Diese gab mir vielfältige Einblicke in die KMU, in die wir investiert haben. Ausserdem prüfen wir laufend neue Investitionsmöglichkeiten. Ein Prozess, den ich eng begleite.

Die Tätigkeit einer Jury-Präsidentin und diejenige in der Müller-Möhl Group sind also ähnlich. Letztendlich geht es darum, die Zukunftschancen von Unternehmen einzuschätzen.
Absolut.Wir erhalten sehr viele Zuschriften, in denen wir für ein finanzielles Engagement angefragt werden. Ausserdem verfolgen wir bei Firmen, an denen wir beteiligt sind, das Geschehen am Markt sehr eng.

Was hat Sie bei der Arbeit in der Jury am meisten überrascht?
Die Müller-Möhl Group ist, was die Mitarbeiterzahl betrifft, auch ein KMU. Deshalb kannte ich die Probleme dieser Unternehmen bereits vor der Übernahme des Jury-Präsidiums. Bemerkenswert war für mich, dass es keine Frage des Alters ist, ob man innovativ ist oder nicht. Gerade ältere Unternehmer können sehr innovativ sein.

Was noch?
Die Jungunternehmen, die sich für den Award beworben haben, haben sich nicht einfach für ein waghalsiges, chaotisches Vorgehen entschieden. Sie alle haben sehr genau geplant und dann Schritt für Schritt ihren Plan auch realisiert. Bei vielen nominierten Unternehmen habe ich zudem Weitsicht gepaart mit Innovation und Kreativität festgestellt. Das zu sehen, ist begeisternd.

Warum gibt unter den Nominierten keine Jungunternehmerinnen?
Ich kann Ihnen diese Frage nicht mit ein paar Sätzen beantworten. Zu diesem komplexen Thema sind schon etliche Bücher geschrieben worden. Vielmehr möchte ich einen Aufruf aussenden: Ich wünschte mir, dass im nächsten Jahr mehr Kandidaturen von Frauen eingehen. Frauen dürfen durchaus den Mut haben, sich hier zu bewerben.

Wie hat sich das Verhalten der KMU in den letzten Jahren verändert?
Das kollektive Jammern der KMU hat sicherlich abgenommen und gehört der Vergangenheit an. Zudem habe ich bei den Kandidaten eine Aufbruchstimmung festgestellt.

Was behindert die Schweizer Jungunternehmen am meisten?
Um es auf einen Begriff zu reduzieren: die Bürokratie. Der ganze Papierkram, den die Unternehmen heute zu bewältigen haben, ist enorm zeitaufwändig. Auch wenn ich natürlich auch einsehe, dass all diese Formulare einmal zu einem bestimmten Zweck erstellt worden sind.

In welchen Bereichen ist die Bürokratie besonders belastend?
Die Mehrwertsteuer ist mittlerweile so komplex geworden, dass die meisten Unternehmer diese gar nicht mehr verstehen. Im Prinzip müssten sie einen Hausjuristen engagieren,damit sie alles richtig machen. All dies führt zu Fixkosten, die besonders die kleinen Unternehmen belasten.

Wo drückt ausserdem der Schuh?
Ein grosses Problem ist die Praxis zur indirekten Teil-Liquidation. Das bedeutet, es ist heute für einen Unternehmer äusserst schwierig, eine Firma seinen Kindern zu übergeben, ohne dass diese steuerlich sehr stark belastet werden. Weiter werden Unternehmensgewinne nach wie vor beim Bund und in den meisten Kantonen doppelt besteuert.

Bundesrat Joseph Deiss hat einmal gesagt: Die administrative Vereinfachung ist nicht einfach. Glauben Sie, dass hier ein Durchbruch zu schaffen ist?
Das Ziel muss lauten, dass für jede gesetzliche Bestimmung, die eingeführt wird, eine alte gestrichen wird. Heute kommen einfach immer neue Regeln hinzu. Von diesem Vorgehen müssen wir uns einfach verabschieden. Sonst wird das Regelwerk so dicht, dass man schliesslich dran erstickt.

Kleinere und mittlere Unternehmen haben oft ein angespanntes Verhältnis mit ihrer Bank. Tun die Banken genug für die KMU?
Meiner Ansicht nach müssen die Beziehungen zwischen den Banken und den KMU tragfähiger werden – dies im eigentlichen Sinn des Wortes. KMU brauchen Vertrauen und Partnerschaft über eine längere Zeit. Das heisst auch in Zeiten, in denen die Konjunktur lahmt. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass einzelne Banken in diesen
Zeiten bei langfristigen Finanzierungen sehr viel restriktiver werden.

Sie werfen den Banken vor, Schönwetter-Kreditinstitute zu sein.
Ich denke, die Banken sollten sich noch vermehrt auch antizyklisch verhalten. Längerfristig kommt ihnen das wieder zu Gute.

Was tut die Müller-Möhl Group zur Förderung von Jungunternehmen?
Als langfristig ausgerichteter Investor engagiert sich unsere Gruppe immer wieder bei KMU, wenn uns deren Businessplan und deren Perspektive überzeugen. Wir unterstützen die KMU also mit konkreten Taten.

In Thun befürchtet man, dass das Swiss Economic Forum eines Tages nach Zürich ziehen könnte. Was sagen Sie als Zürcherin dazu?
Die beiden Gründer, Stefan Linder und Peter Stähli, haben das Forum zu einer nationalen Networking-Plattform aufgebaut und hochkarätige Leute nach Thun gebracht. Deshalb möchte ich den Behörden von Thun empfehlen, in der Frage der Unterstützung des Forums Weitsicht zu üben. Leistung und Gegenleistung müssen in einem fairen Geben- und Nehmen-Verhältnis sein.

Für Sie wäre es einfacher, wenn das Forum in Zürich stattfinden würde.
Das wunderschöne Thun ist als Standort sehr geeignet. Als Teilnehmer aus Zürich wird man aus seinem Alltag herausgeholt. Deshalb fände ich es wichtig, dass das Forum in Thun bleibt.

Interview: Stefan Schnyder

© 2006 «Berner Zeitung»

October 2005 | Fritz und Fränzi | Download Interview

«Wir müssen das Thema enttabuisieren»

Luna, die Stiftung zur Förderung gemeinnütziger Institutionen gegen sexuelle Ausbeutung und Misshandlung von Kindern und Jugendlichen, engagiert sich nachhaltig für den Schutz kindlicher und jugendlicher Gewaltopfer. Fritz und Fränzi sprach mit ihrer Patin, Carolina Müller-Möhl, und dem Mitbegründer, Dr. med. FMH Manuel Jaques.

Interview: Anja Fiebiger
Foto: Christian Senti

Frau Müller-Möhl, weshalb sind Sie gerade Patin der Stiftung Luna geworden?
Müller-Möhl: Neuste Studien zeigen, dass etwa jedes dritte Mädchen und jeder siebte Junge in der Kindheit sexuelle Gewalt erfahren musste. Wir müssen das Thema der sexuellen Grenzüberschreitung enttabuisieren. – Und dabei will ich helfen.

Wann und warum wurde die Stiftung Luna gegründet?
Jaques: Anlässlich des Zwanzig-Jahr-Jubiläums des Lions Club Zumikon im Jahr 2004 äusserten die Mitglieder des Clubs den Wunsch, eine spezielle und langfristige Aktivität zu organisieren. Der damalige Präsident und ich machten den Vorschlag für ein Engagement zu Gunsten von Kindern, die Misshandlungen respektive sexueller Ausbeutung ausgesetzt sind. Einen Teil meiner Ausbildung absolvierte ich im Kinderspital Zürich, wo ich Kontakt hatte mit betroffenen Kindern und Erfahrungen sammeln konnte. Es ist mir damals aufgefallen, dass diese Thematik meist anonym und mit nur begrenztem Schutz für die betroffenen Kinder erfolgte. Der Lions Club ist Symbol für Tradition und Establishment, gerade diese Vertreter müssten sich vermehrt für solche Inhalte einsetzen.

Was bezweckt die Stiftung, und welche Ziele verfolgt sie?
Jaques: Erstens die direkte Unterstützung bei der Behandlung und Beratung betroffener Kinder und Jugendlicher, zweitens Aufklärung und Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung und drittens Prävention. Die Stiftung Luna verfolgt diese Ziele mit der Beschaffung von Geldern zur konkreten materiellen Unterstützung. Unser hochprofessioneller Stiftungsrat bietet Gewähr für eine seriöse Abklärung und Begleitung der Projekte.

Wie unterstützt die Stiftung betroffene Kinder, und wer kann sich an die Stiftung wenden?
Müller-Möhl: Als Direkthilfe unterstützen wir den Fonds für Härtefälle der Opferberatungsstelle Castagna sowie das Zürcher Meitlihuus. Im Präventionsbereich ist es der Verein Klein-Einstein, ein Treffpunkt für verwahrloste Kinder im Zürcher Kreis 4, sowie das Projekt Lilli, eine Internet-Plattform mit anonymer Beratung für Jugendliche. Neu werden wir den Ulmenhof in Zürich unterstützen, eine anerkannte Institution für drogenabhängige Erwachsene. Im Rahmen dieses Programms wird auch eine Therapiestruktur und Wohnmöglichkeit für Kinder dieser Eltern angeboten. Dabei handelt es sich häufig um Neugeborene, Kleinkinder und frisch eingeschulte Kinder, die unter erheblichen traumatisierenden Erlebnissen leiden. Es können sich aber auch betroffene Familienmitglieder an die Stiftung wenden, um beispielsweise hilfreiche Kontaktadressen zu bekommen.

Wo müssten Ihrer Meinung nach Politik, Schule und Gesellschaft im Zusammenhang mit der Prävention sexuellen Missbrauchs ansetzen?
Müller-Möhl: In erster Linie muss – gerade auch über die Medien – fundierter und sachlicher informiert werden. Und dann sollte der Schule eine zentrale Rolle zugewiesen werden. Jede Schule müsste zwei bis drei speziell ausgebildete Lehrkräfte als Anlaufstelle für betroffene Kinder und Eltern anbieten können. Auf politischer Ebene muss das Kinderschutzgesetz umfassend angewandt und wenn nötig ausgebaut werden. Dies beinhaltet auch eine effizientere Abwicklung im Rahmen von Fahndungen und Internet-Überwachungen. Leider sind hier die administrativen Wege zum Teil kompliziert und verschlungen, so dass die Täter bisweilen mehr Schutz finden als die Opfer.

Herr Jaques, Sie sind selbst Vater. Wie schützen Sie Ihre Kinder vor sexuellen Übergriffen?
Jaques: Die Problematik sexueller Übergriffe sollte uns als Eltern bewusst sein. In der Statistik sind Grenzverletzungen häufig. Zum Zeitpunkt, wo dieses Thema ein Problem ist, sind Kinder oft nicht
genügend gereift, um sich schützen zu können. Deshalb ist es falsch, solche Themen zu tabuisieren. Ich werde also mit meinen Kindern darüber genauso offen sprechen wie über andere Gefahren. Gemäss meiner Erfahrung kann man mit Kindern auch komplexe Probleme altersentsprechend verständlich besprechen, ohne zu katastrophisieren. In erster Linie geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen. Genauso wie man ein Kind anleitet, den Fussgängerstreifen zu benutzen, kann man es auch für dieses Thema sensibilisieren. In Sachen sexueller Übergriffe können wir unsere Kinder aber leider nie hundertprozentig schützen. Doppelt wichtig ist es, das Thema Missbrauch in der Familie zur Sprache zu bringen, weil einem Kind der Begriff Missbrauch fremd ist; das Wort Missbrauch bedeutet ja, dass damit eigentlich nicht gerechnet werden muss. Und es kommt hinzu, dass Kinder ein hohes Loyalitäts- und Verantwortungsbewusstsein haben und leider den Täter deshalb oft mehr schützen als sich selbst.

Und wie sollen Eltern das Thema aufgreifen?
Jaques: Ich würde Eltern empfehlen, mit ihren Kindern offen über sexuelle Grenzverletzungen zu sprechen. Vielleicht muss man auch ein gewisses Misstrauen unterstützen. Das Wichtigste scheint mir das offene Gespräch ohne Tabuisierung. Kinder können auch ohne Erfahrung Inhalte verstehen, und man schützt
sie nicht, indem man über eine Problematik nicht spricht, dann setzt man sie den damit verbundenen Gefahren unbewusst aus.

© 2005 «Fritz und Fränzi»

September 2005 | Schweizer Illustrierte | Download Interview

«Hier fährt die Präsidentin»

Sie ist eine der erfolgreichsten Wirtschaftsfrauen der Schweiz. Carolina Müller-Möhl, 36, über ihre Durchsetzungskraft als Unternehmerin, das Doppelmandat Mutter und Geschäftsfrau, arrogante Männer und ihre Lieblingsstadt Zürich.

von Peter Röthlisberger (Text)
und Rolf Edelmann (Fotos)

Auf mehrere hundert Millionen Franken schätzt die Finanzwelt das Vermögen der Familie von Carolina Müller-Möhl, aber Carolina fährt Tram statt Limousine. Als Präsidentin der Investment-Gesellschaft Müller-Möhl Group führt die studierte Politologin nur vier Mitarbeiter. Gleichzeitig hat sie mit ihrem Verwaltungsratsmandat bei Nestlé einen der begehrtesten Jobs inne, den die Schweizer Wirtschaftselite zu vergeben hat. Als ihr Mann, der gewiefte Financier Ernst Müller-Möhl, am 3. Mai 2000 bei einem Flugzeugabsturz am Gotthard starb, rechneten viele damit, dass sich die junge Witwe mit ihrem damals zweijährigen Sohn Elias ins Privatleben zurückziehen würde. Sie aber blieb und verwaltet ihr Erbe seither mit sichtbarem Erfolg. Die von ihr gegründete Müller-Möhl Group hält unter anderem namhafte Minderheitsbeteiligungen bei Ascom und der Medizinaltechfirma Plus Orthopedics. Die Präsidentin wird jede Woche anfragt, in weitere Projekte zu investieren. Sei es in ein aufstrebendes Biotech-Unternehmen oder in die Kollektion einer Modedesignerin, die eine Starthilfe für ihre modischen Gummistiefel benötigt. Carolina Müller-Möhl ist eine der interessantesten Wirtschaftsfrauen des Landes, ihr Geschäftsgebaren wird vom Wirtschaftsestablishment mal neidisch, mal bewundernd kommentiert.

Frau Müller-Möhl, wie konnten Sie sich in der Wirtschaftswelt durchsetzen?
Es gibt keine einfachen Rezepte. Wer Erfolg haben will, muss sich auf seine Stärken konzentrieren, Durchsetzungskraft und Leadership zeigen und über einen guten Menschenverstand und Sachkenntnisse verfügen. Man muss bereit sein, Knochenarbeit zu leisten. Für uns bei der Müller-Möhl Group steht Lang- vor Kurzfristigkeit, Kontrolle und Sicherheit vor Laisser-faire und genaue Analyse vor blindem Vertrauen.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?
Natürlich bin ich gern erfolgreich. Und darum stolz darauf, dass es uns – meinem professionellen Team und unserem hoch qualifizierten Verwaltungsrat – gelungen ist, durch intensive Zusammenarbeit die Vermögenswerte der Erbengemeinschaft zu konsolidieren, abzusichern und langfristig auszurichten. Trotz jahrelang schwierigen Märkten und einer schwierigen Ausgangssituation.

Sie haben einen siebenjährigen Sohn. Sehen Sie sich als Vorbild für andere berufstätige Mütter?
Nein, ich sehe mich nicht als Vorbild, suche diese Rolle auch nicht. Ich arbeite gern und versuche die Chancen, die ich in meinem Leben erhalten habe, zu nutzen. Ich bin gerne informiert und aktiv dabei, und es macht mir Freude, mich über meinen privaten und beruflichen Bereich hinaus zu engagieren.

Sollen Frauen in der Geschäftswelt speziell gefördert werden?
Zumindest dürfen sie nicht diskriminiert werden. Frauen mit gleicher Kompetenz sollen auch die gleichen Chancen erhalten. Ich bin beispielsweise überzeugt, dass es in der Schweiz mehr fähige Frauen gibt, als sich dies heute in den Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten widerspiegelt.

In der «Bilanz» haben Sie die Ignoranz von Männern gegenüber berufstätigen Müttern beschrieben.
Jede Form von Ignoranz und Arroganz ärgert mich. Man kann in Kenntnis der Fakten unterschiedlicher Meinung sein, aber nicht einfach Fakten negieren. Und Fakt ist, dass die Doppel- oder Dreifachbelastung berufstätiger Mütter eine Realität ist. Fakt ist auch, dass berufstätige Frauen zum Wachstum beitragen. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass wir in der reichen Schweiz nach wie vor zu wenig Strukturen haben, um berufstätigen Frauen und ihren Familien das Leben zu erleichtern.

Wie bringen Sie alles unter einen Hut?
Ich habe ein starkes Team im Büro und einen Lebenspartner, der mich überall tatkräftig unterstützt.

Was mögen Sie an Ihrem Job?
Die Vielseitigkeit. Die Möglichkeit, im Team Lösungen zu erarbeiten und schwierige Situationen zu optimieren. Die interessanten, engagierten Menschen, denen ich beruflich begegne.

Was nicht?
Sitzungen, in welchen Ideologie vor der Lösungsfindung steht. Undifferenziertheit. Starre Strukturen, die sich nicht auflösen lassen. Menschen, die nicht fortschrittlich denken und handeln.

Sie sind wegen Ihres Nestlé-Verwaltungsratsmandats in die Kritik geraten. Wie erleben Sie die Arbeit dort?
Intensiv. Nestlé ist ein spannender Konzern, mit engagierten Mitarbeitern und einem sehr kompetenten Management. Der Nestlé-Verwaltungsrat, so wie ich ihn bisher kennen gelernt habe, diskutiert alle wichtigen Themen engagiert und häufig auch kontrovers. Ich erlebe diesen Verwaltungsrat keineswegs als «Kopfnickergremium», wie das behauptet wurde. Das deckt sich im Übrigen mit meinen Vorstellungen von aktiven Aufsichtsgremien, die ihre Aufgabe ernst nehmen.

Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Bei unserer Ausgangslage wäre es falsch zu sagen, dass Geld keine Rolle spielt. Es verschafft meiner Familie die Unabhängigkeit, um unsere privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Ziele zu verfolgen.

Was macht Sie glücklich?
Meine Familie.

Welche Werte vertreten Sie?
Ich komme aus einem Elternhaus, das bei meiner Schwester und mir Eigenständigkeit, Eigenverantwortung, kritisches Hinterfragen, liberales Denken und Handeln, aber auch Solidarität gefördert hat. Entsprechend habe ich kein Verständnis für jene, die sich weder gesellschaftspolitisch noch sozialpolitisch engagieren, vor allem, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten.

Sie engagieren sich vor allem in der Bildungspolitik.
Bildung ist der wichtigste Rohstoff für uns Schweizer. Heute weiss man, dass sich mit steigendem Bildungsniveau die volkswirtschaftliche Produktivität erhöht und die Gefahr von Arbeitslosigkeit sinkt.

Sie sind in Zürich geboren und nach Ihrer Ausbildung wieder hierher zurückgekehrt. Was bedeutet Ihnen die Stadt?
Zürich war in den 90er-Jahren in einer grossen Krise: offene Drogenszene, Abwanderung von Firmen und Arbeitsplätzen, Finanzdebakel. Die konstruktiven Kräfte in dieser Stadt haben sich dann zusammengerauft und in allen Bereichen viel erreicht. Man hat lösungsorientiert gearbeitet, genau dies entspricht meiner Einstellung. Vor allem deshalb fühle ich mich hier wohl.

© 2005 «Schweizer Illustrierte»

May 2005 | Tages-Anzeiger | Download Interview

«Ich habe nichts gegen Kopflastigkeit»

Das Volksschulgesetz ist nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, findet Unternehmerin Carolina Müller-Möhl. Sie sagt, warum sich die Schule auch für die Starken einsetzen soll.

Interview: Daniel Schneebeli

Frau Müller-Möhl. Sie setzen sich aktiv für das neue Volksschulgesetz ein. Für eine Führungskraft aus der Wirtschaft ist dies eher aussergewöhnlich. Warum tun Sie das?
Schade, dass das aussergewöhnlich ist. Dennoch kenne ich auch in der Wirtschaft einige, denen eine gute Volksschule am Herzen liegt, denn die Unternehmen sind auf gut ausgebildete Mitarbeiter angewiesen. Die Volksschule ist die Basis aller Dinge. Dazu braucht es selbstverständlich gute und kompetitive Hochschulen, die international anerkannt sind.

Sie setzen sich für eine starke öffentliche Schule ein, die nicht nur den so genannten Eliten offen stehen.
Ja, ich finde es ganz wichtig. Wir dürfen nicht schon in den ersten Schuljahren beginnen, die Kinder nach ihrer Herkunft zu trennen. Es sollen alle möglichst gute und vor allem möglichst gleiche Startchancen haben. Ich weiss, dass das ein idealistischer Ansatz ist. Wenn wir ihn weltweit umsetzen wollten, müssten wir viel mehr Geld zur Verfügung haben. Ich ging selber auch in die Volksschule.

Und, haben Sie die Schule in guter Erinnerung?
Ja. Aber die Schule hatte schon damals Schwächen, die bis heute erhalten geblieben sind. Beispielsweise wurden begabte Kinder damals wie heute zu wenig gefördert. Alles in allem können wir aber stolz sein auf eine funktionierende Volksschule.

Und trotzdem braucht es jetzt dieses neue Volksschulgesetz?
Ja, es ist höchste Zeit, das geltende Gesetz stammt aus dem vorletzten Jahrhundert.

Welches sind denn die Hauptprobleme der heutigen Schule?
Es fehlen viele Elemente, die heute einfach zwingend sind. So im Bereich der Blockzeiten, Aufgabenhilfe, von Mittagstisch und Qualitätskontrollen. Negativ ist auch, dass die Schulleitung auf kantonaler Ebene noch nicht geregelt ist. Wir können froh sein, dass wir endlich die Gelegenheit haben, die Schulen zu reformieren. Das Gesetz, über das wir abstimmen, ist eine Minimallösung, ein Kompromiss. Aber es bringt uns einen Schritt weiter. Mir persönlich geht es zu langsam. Es dauert sieben Jahre, bis diese Reformen umgesetzt sind. Doch ich weiss natürlich, dass die Mühlen in einer Demokratie eher langsam mahlen.

Welche Forderungen hat die Wirtschaft an die öffentliche Schule?
Oft wird gesagt, die Wirtschaft sei nur an den Universitäten interessiert. Das stimmt so nicht. In der Volksschule ist die Bildung der sozialen Kompetenz ganz wichtig. Die Vielfalt der Schülerschaft ist im späteren Leben nie mehr so gross wie auf dieser Stufe. Die Jugendlichen lernen ganz unterschiedliche Lebensformen und verschiedene Kulturen kennen.

Stellen Sie fest, dass die Menschen heute sozial weniger kompetent sind als früher?
An den Schulen gibt es immer mehr Gewalt. Dies reflektiert nur unsere Gesellschaft. Gewalt ist ein Warnsignal. Es geht nicht, dass Schüler Lehrer verprügeln und die Eltern gleichgültig sind. Wir müssen darauf reagieren. Mit dem neuen Gesetz ermöglichen wir zum Beispiel, dass Schulen mit einem hohen Anteil an fremdsprachigen Schülern speziell unterstützt werden können. Das Gesetz verlangt auch, die Eltern an den Prozessen zu beteiligen. Ich bin überzeugt, dass es richtig ist, in der Schule möglichst alle zu integrieren. Es ist falsch, auf dieser Stufe alle schwierigen Kinder oder die weniger Begabten in Sonderklassen zu stecken. Damit verhindern wir den Lernprozess, der bei allen zu besserer sozialer Kompetenz führt.

Welche weiteren Fähigkeiten müssten aus Ihrer Sicht an der Volksschule gefördert werden?
Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Die so genannt einfachen Berufe gibt es immer weniger. Darum muss schon die Volksschule viel Wissen vermitteln. So notwendig die Förderung von Schwachen ist, so sehr besteht die Gefahr, dass wir die begabten Kinder dadurch vernachlässigen. Wir müssen aufpassen, dass die heutige Schule nicht nach unten nivelliert.

Geht das Gesetz in dieser Beziehung genügend weit?
Nein, es geht zu wenig weit.

Was wäre konkret nötig?
Schwache Kinder werden in Zusatzstunden gefördert. Solche Angebote müsste es noch vermehrt für die besonders Begabten geben. Die Reformkritiker behaupten, die Schule werde immer kopflastiger. Ich habe nichts gegen Kopflastigkeit. Wir leben in einer kopflastigen Gesellschaft.

Wie viele Fremdsprachen verträgt es aus Ihrer Sicht an der Primarschule?
Es verträgt sicher mehr als eine. Kinder sind wissbegierig und können viel mehr neues Wissen aufnehmen als Erwachsene. Wir dürfen unsere Schüler nicht unterschätzen. Es ist durchaus möglich, vielsprachig aufzuwachsen.

Welche Fremdsprache sollte in den Schulen als Erstes gelehrt werden?
Das ist nicht so relevant. Wenn es aber nach mir ginge, wäre es Englisch. Englisch ist die heute am weitesten verbreitete Sprache auf der Welt.

Die Schulen sollen mehr Betreuungsarbeit übernehmen. Wo liegen für Sie die Grenzen der Belastbarkeit für die Schulen?
Wenn Eltern meinen, sie können ihre Kinder in der Schule erziehen lassen, liegt das jenseits der Grenzen. Aber eine moderne Schule muss zum Beispiel Blockzeiten haben. Erstens werden in Schulen mit starkem ausserschulischem Betreuungsangebot die besseren Leistungen erbracht. Und zweitens müssen die Schulen auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren. Heute sind oft beide Elternteile erwerbstätig. Da dies bei uns zu Hause auch so ist, besucht mein Sohn eine private Ganztagesschule.

Ist das der einzige Grund?
Nein, ich möchte, dass mein Sohn zweisprachig aufwächst. Entsprechend geht er seit dem Kindergarten in eine zweisprachige Schule. Die öffentlichen Schulen müssen derzeit vor allem sparen. Grundsätzlich finde ich es falsch, in der Schule zu sparen. Wenn es aber nicht anders geht, muss es in der Administration geschehen. Beispielsweise durch die Beseitigung von allfälligen Doppelspurigkeiten.

Im Kanton Zürich werden die Klassen vergrössert.
Das ist der falsche Weg. Es liegt auf der Hand, dass der Lehrer weniger Zeit für den einzelnen Schüler aufwenden kann, wenn seine Klasse grösser wird. Das kann die Schulqualität vermindern.

Wenn das Volk am 5. Juni Nein stimmt, was würde das bedeuten?
Für mich persönlich wäre es eine riesige Enttäuschung. Für den Kanton wäre es ein grosser Rückschritt. Wenn wir die laufenden Reformen abbrechen müssten, fallen wir hoffnungslos zurück, auch im internationalen Vergleich. Das würde sich mit Sicherheit auch negativ auf unsere wirtschaftlichen Chancen auswirken.

© Tages-Anzeiger; 10.05.05; Seite 13

© 2005 «Tages-Anzeiger»

December 2004 | Bilanz | Download Speech

«Allein unter Männern»

Manche Politiker, Unternehmer und andere Hauptdarsteller sonnen sich darin, Patentrezepte zu verbreiten. Selbstverständlich die allein selig machenden. Ein Plädoyer für mehr Offenheit – und für inspirierende Debatten.

Manche Politiker, Unternehmer und andere Hauptdarsteller sonnen sich darin, Patentrezepte zu verbreiten. Selbstverständlich die allein selig machenden. Ein Plädoyer für mehr Offenheit – und für inspirierende Debatten.

Die Diskussion verlief intensiv. Im Zentrum stand die Frage, auf welche Weise das ausserschulische Betreuungsangebot durch die Wirtschaft und die öffentliche Hand am geeignetsten ausgebaut werden könnte. Ins Gespräch gebracht wurden eigene Erfahrungen ebenso wie finanzielle Bedenken und ordnungspolitische Anliegen.

Bis plötzlich jener Politiker – man beachte die männliche Form –, der auch in der Wirtschaft Verantwortung trägt, das Wort ergriff und uns und den übrigen Diskutierenden apodiktisch mitteilte, es brauchte all diese Betreuungsangebote eigentlich nicht, wenn nur die Familien ihre Verantwortung wahrnähmen. Er könne das beurteilen, in seiner Familie habe sich seine Frau ganz auf die Betreuung der Kinder konzentriert, und das sei prima gegangen. Punkt. Ende der Debatte.
«Nein», sagte mir der Unternehmer, der früher auch Politiker gewesen war, nein, an einer stärkeren Berücksichtigung der Anliegen der Minderheitsaktionäre habe er überhaupt gar kein Interesse. Schliesslich sei er der Mehrheitsaktionär, und da müssten sich halt die übrigen Aktionäre entscheiden, ob sie ihm Vertrauen schenken wollten oder nicht. Good Corporate Governance – dieses neumodische Zeugs habe ihn nun wirklich noch niemals interessiert.

Zwei wahre Geschichten mit zwei selbst ernannten Hauptdarstellern. Gemeinsam war (und ist) den beiden, dass sie sich und ihre persönlichen Erfahrungen sehr wichtig nehmen. So wichtig, dass sich eine sachliche Diskussion eigentlich erübrigt. Und da ich diesen Beispielen zahlreiche andere hinzufügen könnte, die ich in den letzten Jahren und Monaten als Berufsfrau erlebt habe, nehme ich die «Carte blanche»-Chance, welche mir die BILANZ-Redaktion einräumt, gerne wahr, um über meine Erfahrungen mit jenen zu berichten, die sich selber unglaublich wichtig nehmen.

Bewusst verzichte ich an dieser Stelle darauf, andern – etwa der Wirtschaft, der Politik oder gar der Nation – ebenso durchdachte wie wohlformulierte Ratschläge zu geben oder mediengerecht zubereitete Erfahrungen aus meiner Arbeit als Mutter, Unternehmerin oder Verwaltungsrätin auszubreiten. Nein, im Zentrum sollen jene stehen, die sich als so wichtig betrachten, dass sie es spürbar unnötig finden, sich mit anderen und deren Meinungen auseinander zu setzen; zumal dann, wenn jene anderen jünger sind.

Wenn ich nun noch anfüge, dass ich das Phänomen, sich selber allzu wichtig zu nehmen, vor allem bei Männern beobachte, dann wird mancher Leser an dieser Stelle seinem Ärger kaum mehr Herr werden können. Typisch für diese junge Frau, so höre ich sie sagen, die ein privilegiertes Leben führe und immer meine, anderen Vorhalte machen zu müssen.

Darf ich – zu meiner Entschuldigung quasi – unumwunden zugeben, dass natürlich auch ich selber in der Versuchung lebe, mich selber und meine eigenen Erfahrungen zu ernst zu nehmen. Nicht selten ertappe ich mich in einer Sitzung beim Gedanken, dass es angesichts des Themas nun wirklich an der Zeit wäre, meine eigenen Erfahrungen in die Diskussion einzubringen und dieser damit die Wende zu geben. Man muss doch, so denke ich dann etwa, meiner Meinung als berufstätiger Mutter, die gleichzeitig in der Wirtschaft Verantwortung wahrnimmt, besonderes Gewicht geben. Ich bin also gegen die Versuchung, mich selber besonders wichtig zu nehmen, auch nicht immer gefeit. Auch darum halte ich an dieser Stelle ein Plädoyer für mehr Sachbezogenheit in wirtschaftlichen und politischen Führungsgremien.

Man verstehe mich nicht falsch: Wenn ich mich dafür ausspreche, dass wir die Sache vor die persönliche Betroffenheit stellen, dann wende ich mich keineswegs gegen das Zeigen von Emotionen in einer Debatte, einer Entscheidungsfindung. Jene Männer, die glauben, auch heute noch über uns Frauen spotten zu müssen, nur weil wir in der einen oder anderen Diskussion Gefühle zeigen und erst noch dazu stehen, liegen völlig falsch. Wer Emotionen in eine Debatte einbringt, hilft häufig Vorurteile zu überwinden, Strukturen aufzubrechen, Neues denkbar zu machen.

Dass wir Frauen dies besser können als unsere männlichen Kollegen in den Führungsgremien, ist übrigens auch nur (noch) ein Vorurteil. Ich habe selber in manchen Sitzungen beobachten können, wie gestandene Männer, die in einer bestimmten Sache plötzlich Emotionen gezeigt haben, nicht nur ernst genommen wurden, sondern den Verlauf der Verhandlungen so wesentlich beeinflusst haben.

Erlauben Sie mir noch ein letztes Beispiel: In der Debatte um die Erweiterung der Erwerbsersatzordnung auf berufstätige Mütter wurde uns die Ignoranz gewisser Zeitgenossen, die sich und ihre eigene Meinung besonders ernst nehmen, wieder einmal deutlich vor Augen geführt. Da ich die Einführung dieser – im internationalen Vergleich immer noch recht rudimentären – Mutterschaftsversicherung als gesellschaftspolitisch sehr wichtig beurteile, habe ich vor der Abstimmung zahlreiche Gespräche zu diesem Thema geführt, auch mit Unternehmensführern und Politikern. Nicht selten wurde ich in solchen Diskussionen mit dem «Argument» konfrontiert, man wisse aus der eigenen Familie, dass eine Mutterschaftsversicherung überhaupt nicht nötig sei.
Auf meinen Einwand hin, dass es doch sehr viele Frauen gebe, die darauf angewiesen seien, ganz oder teilweise berufstätig zu sein, und dass das bisher geltende unbezahlte Arbeitsverbot nach einer Geburt erhebliche Probleme mit sich gebracht habe, versicherten mir meine Gesprächspartner, dass sie so etwas in ihrem Umfeld nie beobachtet hätten.

Dass sich diese Art von Arroganz in diesem Fall an der Urne nicht durchgesetzt hat und wir nun endlich den Verfassungsgrundsatz für eine Mutterschaftsversicherung in die Tat umsetzen können, verdanken wir meines Erachtens übrigens der Tatsache, dass bei diesem Anlauf neben vielen engagierten Frauen auch zahlreiche gesellschaftspolitisch aufgeschlossene Männer für die Vorlage gekämpft haben.

Nicht fehlen darf schliesslich natürlich auch eine leise Journalistenschelte. Wer sich hie und da für Interviews zur Verfügung stellt, wird wissen, was ich meine. Nicht selten hat man es mit Journalisten – und, seien wir gerecht, auch mit Journalistinnen – zu tun, die schon mit der Fragestellung deutlich machen, dass sie sich, ihre Meinung und allenfalls auch ihr Vorurteil wichtiger nehmen als das, was die Befragte zu sagen hat. Das gibt dann jene Gespräche, wo man sich von der ersten bis zur letzten Frage in der Defensive fühlt und das ungute Gefühl nicht loswird, der Journalist freue sich darüber.

Um fair zu bleiben, ist es nun an der Zeit, deutlich zu sagen, dass ich in den letzten Jahren und Monaten auch ganz andere Erfahrungen gemacht habe. Erfahrungen zum Beispiel mit an Jahren schon etwas fortgeschritteneren Wirtschaftsführern, die es schlicht nicht mehr nötig haben, sich selber ins Zentrum aller Überlegungen zu stellen, die dadurch offen sind für die Sache und für die Argumente anderer. Sich selber nicht zu wichtig zu nehmen, ist also weder eine Alters- noch eine Geschlechterfrage.

Entscheidend ist wohl, sich in einem Thema so sattelfest zu fühlen, dass man es gar nicht mehr nötig hat, sich selber zu ernst zu nehmen. Ich arbeite daran!

© Bilanz; Dezember 04; Seite 66, 67

© 2004 «Bilanz»

October 2004 | Swiss Economic Forum Magazin | Download Interview

«Bei der Bildung darf nicht gespart werden»

Wenn es um die ökonomische Zukunft der Schweiz geht, kann eine Frau ein gewichtiges Wort mitreden: Carolina Müller-Möhl, Präsidentin der gleichnamigen Investoren-Gruppe und Nestlé-Verwaltungsrätin.

Interview: Silvia Pfenniger

Frau Müller-Möhl, es wird in der Schweiz viel von Aufbruch geredet. Spüren Sie diesen?
Aufschwung kann man weder herbeireden noch herbeischreiben. Wir müssen der Realität in die Augen schauen, und die sieht nicht nur rosig aus. Es bringt nichts, wenn wir dies vertuschen. Logitech-Gründer Daniel Borel sagte vor kurzem in einem Interview, dass sich die Schweiz zurzeit in der Leugnungsphase befinde, der schlimmsten Phase überhaupt. Mit blossem Schönreden und dem Leugnen von Problemen und Schwächen lässt sich das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten nicht gewinnen.

Muss man ihnen nicht Hoffnung machen?
Ja, aber nicht auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Den erhofften breiten Aufschwung für alle Unternehmen gleichzeitig gibt es kaum. Manchen Firmen hierzulande geht es ja bereits sehr gut, denken Sie an die Pharmaindustrie. Andere haben zu kämpfen.

Ihre Unternehmensgruppe hält eine Beteiligung im medizinischen Bereich. Wie hoch ist Ihr Anteil?
Wir halten einen substantiellen Minderheitsanteil an der Medizinaltechnikfirma Medica Holding. Das Unternehmen entwickelt und produziert Implantate und Prothesen für Knie-, Schulter- und Hüftgelenke. Die geografischen Schwerpunkte der Medica Holding sind Westeuropa, Asien und die USA.

Dazu kommen namhafte Beteiligungen bei Ascom, beim führenden Dienstleistungsunternehmen Asiens DKSH und bei den A&A Liegenschaften. Welches der Unternehmen braucht am meisten Aufmerksamkeit?
Unsere Gruppe will an Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, langfristig einen aktiven Beitrag zur positiven Entwicklung leisten. Wir sind auch in den entsprechenden Verwaltungsräten vertreten und wissen, wann eine der Firmen vor ganz besonders grossen Herausforderungen steht und ein Sondereffort notwendig ist: zum Beispiel im letzten Jahr bei der Ascom, als es darum ging, ihr Überleben zu sichern.

Wen meinen Sie mit wir?
Jemanden von unserem internen Team, das aus vier Fachleuten besteht. Unser CEO Beat Näf ist im Verwaltungsrat von Ascom sowie der DKSH und ich in der Medica.

Haben Sie in den vergangenen Jahren Ihre Beteiligungen verändert?
Selbstverständlich, die Müller-Möhl-Gruppe ist kein statisches Unternehmen. Wir haben uns etwa von Arbonia Forster getrennt, weil die Interessen der Minderheitsaktionäre durch den Mehrheitsaktionär aus unserer Sicht nur ungenügend berücksichtigt werden, beispielsweise durch das Festhalten an heutzutage antiquierten Kapitalstrukturen oder ungelösten Fragen zur Corporate Governance.

Sie meinen Edgar Oehler? Worüber wurden Sie sich mit ihm nicht einig?
Im Unterschied zu Herrn Oehler bevorzuge ich es, meine vertraulichen Gespräche nicht in der Öffentlichkeit zu kommentieren.

Seit kurzem sind Sie auch VR von Nestlé...
…ein faszinierendes globales Unternehmen, das ich immer besser kennenlerne. Mehr dazu können Sie mich in einem Jahr fragen.

Stichwort Werkplatz Schweiz: Sind wir noch Spitze?
Auch hier muss man differenzieren: Wir sind, was die Ausbildungsqualität betrifft, noch immer recht gut. Auch im Qualitätsbereich haben wir noch einen Vorsprung. Ob dies aber reicht, um auch langfristig die Nachteile des enorm hohen Preis- und Lohnniveaus in der Schweiz auszugleichen, bezweifle ich. Ob Bildung, Produktivität, Innovation oder Preise: Die Schweiz schneidet im internationalen Vergleich zunehmend schlechter ab. Wir müssen der Realität in die Augen und über unseren Tellerrand hinausschauen.

Sie engagieren sich im Bildungssektor. Was sind Ihre Anliegen?
Ich unterstütze konkrete Initiativen gegen Gewalt an Schulen und engagiere mich im Rahmen des Pestalozzianums dafür, dass unsere Volksschulen nicht stillstehen. Unsere Gruppe unterstützt verschiedene Bildungsinstitute in der Schweiz. Bei der Bildung darf nicht gespart werden. Wir müssen alles daran setzen, um mit unseren intellektuellen Leistungen international nicht zurückzufallen.

Apropos zurückfallen: Was halten Sie von zunehmenden staatlichen Regulierungen?
Bedauerliche Vorfälle wie bei Enron haben zu strafferen Regulierungen und Einschränkungen geführt. Aber damit straft man auch die Mehrzahl der Firmen, die sich korrekt verhalten haben. Wer lügen und betrügen will, kann dies trotzdem tun. Da hilft es nicht, wenn man alle Unternehmen einschränkt. Ein Unternehmen muss atmen können, um sich zu entwickeln.

Das gilt auch und im Besonderen für Innovationen. Investieren Sie mit Ihrer Gruppe auch in junge Firmen?
Ich habe Freude am Besonderen, auch am Unkonventionellen. Deshalb investieren wir auch in junge Firmen. Auf Innovationen zu setzen braucht allerdings Mut, Stehvermögen und Geduld. Eine Innovation muss zudem auf dem Markt gefragt sein.

Worauf setzen Sie konkret?
Zum Beispiel auf den Biotech-Sektor. Ich glaube, dass Biotechnologie eine Zukunft hat. Es gibt noch immer viele Krankheiten, die unheilbar sind. Die Biotechnologie hilft, bei solchen Fragen Lösungen zu finden. Das ist sehr spannend.

Sie sind jung, attraktiv, reich und einflussreich– eine Herausforderung für unsere Neidgesellschaft. Wie erleben Sie dies?
Neid prägt unsere Zeit. Aber das ist auch verständlich: Wir haben in unserer Gesellschaft ein enormes Gefälle. Menschen, die hart arbeiten und wenig verdienen, dürfen, so empfinde ich das, durchaus neidisch sein auf jene, die ohne eigene Leistung im Luxus leben. Neid sollte aber nicht dazu führen, dass man Leistung nicht mehr anerkennt. Wer Besonderes leistet, sei es im Sport, in der Kultur oder in der Wirtschaft und Wissenschaft, der soll auch die entsprechende Anerkennung bekommen. Bei der Anerkennung könnten die Schweizer durchaus noch etwas zulegen, um so den Wettbewerb unter den Besten und damit nicht zuletzt die Schweizer Wirtschaft zu stimulieren.

Sie sind Mutter und Unternehmerin. Wie verkraften Sie diese Doppelrolle?
Eigentlich ist es für mich ein Ärgernis, dass diese Frage Frauen heute noch gestellt wird. Ich will mich engagieren, aus den Privilegien, die ich habe, etwas machen. Wäre ich ein Mann, fände man dies selbstverständlich, ja sogar lobenswert. Muss ich mich für das Gleiche rechtfertigen, weil ich eine Frau bin?

Gewiss nicht, aber mit der Mutterrolle verbindet man automatisch einen grösseren Aufwand als mit der Vaterrolle. Wie steht es mit dieser Doppelbelastung?
Das ist richtig, aber mit Belastung lässt sich besser umgehen, wenn Infrastrukturen wie Kinderkrippen da sind und man gut organisiert ist. Und organisieren können wir Frauen doch eigentlich besser als viele Männer. Natürlich gibt es Momente, in denen ich lieber bei meinem Sohn sein möchte als an einer langwierigen Sitzung. Aber ich nehme nun mal an, dass dies manchen Vätern nicht anders ergeht. Ausserdem zeigt meine Erfahrung, dass mein Sohn und ich die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, umso intensiver nutzen.

Was raten Sie Frauen, die weder auf Kinder noch auf eine Karriere verzichten wollen? Ich hüte mich davor, anderen Frauen Ratschläge zu geben. Aber ich will und kann Mut machen. Wir Frauen können und müssen Grenzen überwinden. Grenzen, von denen Männer glauben, sie für uns setzen zu müssen.
Gibt es spezifische Stärken, die Frauen in die Wirtschaft einbringen?
Natürlich gibt es frauenspezifische Stärken in der Wirtschaft. Frauen sind weniger Konventionen verhaftet und sind sich eher gewohnt, Widerstände zu überwinden.

Männer profitieren hingegen von stärkeren Netzwerken.
Da Netzwerke vor allem in der Freizeit gepflegt werden, sind berufstätige Mütter oft im Nachteil, da sie nach der Arbeit nach Hause wollen und müssen. Doch dies sollte uns Frauen nicht daran hindern, die Vernetzung aktiv voranzutreiben. Ich mache dies täglich.

Wie würde das für Sie schönste Lob am Ende Ihres Lebens lauten?
Ich arbeite nicht an meinem eigenen Denkmal. Im Übrigen freue ich mich, wenn ich bereits heute hie und da Anerkennung für mein Engagement bekomme. Doch Lobesreden nach meinem Ableben, über das ich altersmässig noch nicht besonders häufig nachdenke, nützten mir nur wenig... Im Ernst: Ich lebe in der Gegenwart und für die Zukunft – und freue mich auf viele spannende Jahre.

© Swiss Economic Forum Magazin; 07.10.04; Nummer 2; Seite 7ff

© 2004 «Swiss Economic Forum Magazin»

October 2002 | Persönlich | Download Speech

«Medienpräsenz als Gratwanderung?»

Von Carolina Müller-Möhl

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte heute gerne über meine Schwangerschaft sprechen … Nein, natürlich nicht über die Zeit, als ich meinen Sohn Elias erwartete. Sondern über jene Schwangerschaft, über welche die Wirtschaftszeitung Cash berichtet hat. Gelesen hatte ich den Artikel zunächst nicht. Aber nach verschiedenen besorgt-verärgerten Anrufen aus der Familie, von Freunden und Bekannten, warum sie denn das freudige Ereignis aus der Zeitung erfahren müssten, habe ich den Beitrag dann doch konsumiert – und zu meiner nicht eben kleinen Überraschung gelesen, ich sei wieder schwanger. In solchen Situationen, meine Damen und Herren, kann man durchaus in Selbstzweifel verfallen … Nun, offenbar hat sich Cash die Sache mit meiner Schwangerschaft nochmals überlegt und eine Woche später das Gegenteil gemeldet.

Vor dem Hintergrund dieser kleinen, aber leider durchaus wahren Geschichte mögen Sie verstehen, warum ich mein heutiges Referat unter dem Titel “Medienpräsenz als Gratwanderung” gesetzt und mit einem Fragezeichen versehen habe. Seien Sie unbesorgt: Ich habe durchaus nicht vor, Ihre wertvolle Zeit mit einer lautstarken Medienschelte zu verschwenden. Auch sind grosse, medientechnische Theorien nicht meine Sache. Viel lieber möchte ich Ihnen schildern, welche Erfahrungen ich persönlich mit Ihren Medien gemacht habe, seit ich nach dem Unfalltod meines Mannes im Jahre 2000 die Leitung der Müller-Möhl Group übernommen habe.

Natürlich wusste ich bei der Übernahme der Gesamtverantwortung für unsere Gruppe mit ihren Beteiligungen an mittleren und grösseren Unternehmen um die Wichtigkeit einer korrekten, auf Fairness und Offenheit beruhenden Beziehung zu den Medien. Ich hatte dies in meinem Studium gelernt und in meinen früheren beruflichen Tätigkeiten – übrigens auch auf der Seite der Medien – vertiefen können. Was ich aber doch wohl unterschätzt hatte, war, dass ich offenbar zahlreichen Klischées entspreche und dass solche Klischées von manchen Medienvertretern auch heute noch liebend gern bewahrt werden. Ich bin jung, weiblich, allein erziehende Mutter, blond … und überlasse es Ihnen, die Liste dieser Attribute weiterzuführen. Ganz offensichtlich fehlt manchem Journalisten und leider auch mancher Journalistin selbst in der heutigen Zeit schlicht das Vorstellungsvermögen, um nachvollziehen zu können, warum ich mich entschieden habe, das mir und meinem Sohn zugefallene Erbe nicht verwalten zu lassen, sondern selber unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Auch das illustriere ich gerne an einem Beispiel. Angesagt war der Besuch des Schweizer-Illustrierten-Jounalisten, der mit mir gerne wie mit anderen Vertretern der Wirtschaft ein Interview führen wollte. Ich habe mich sorgfältig auf diese Begegnung vorbereitet und war dann doch einigermassen überrascht, als der Journalist seine einleitende Frage formulierte: “Was machen Sie eigentlich in diesem Büro?” Meine Antwort, ich – wie andere auch – arbeite in meinem Büro, schien ihn nicht sonderlich aus dem Konzept zu bringen. Und so fragte er anschliessend, was für eine bezaubernde Uhr ich trage, wo meine Kleidung designt worden sei und so weiter. Erst auf meinen Einwand, ob er eigentlich solche Fragen auch den männlichen Repräsentanten aus der Wirtschaft stelle – so unter dem Motto: Herr Generaldirektor, wo kaufen Sie eigentlich Ihre Schuhe ?… – gelang es mir, den Journalisten und damit auch mich auf das eigentlich vereinbarte Thema zurückzuführen.

Ganz konnte es aber der gute Mann dann doch nicht lassen. Nachdem er eingesehen hatte, dass ich tatsächlich arbeite und versuche, zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen ernsthaften Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Gruppe zu leisten – was uns übrigens in den anspruchsvollen beiden letzten Jahren recht gut gelungen ist – folgte dann doch noch die Frage, ob es mir nichts ausmache, meinen Sohn Elias dadurch zu vernachlässigen? Um nicht Gefahr zu laufen, an dieser Stelle zynisch zu werden, zitiere ich mich respektive meine damalige Antwort selber (das macht man doch so in der Wirtschaft …): “Ich habe mir die neue Lebenssituation nicht ausgewählt. Aber mit dem geerbten Vermögen nehme ich auch die Verantwortung für Elias wahr. Heute bin ich eine berufstätige, allein erziehende Mutter.”
Sie merken, die Gratwanderung meiner Präsenz in den Medien macht mir durchaus manchmal zu schaffen.Aber ich will fair sein. Nicht selten habe ich es auch mit Journalistinnen und Journalisten zu tun, die sich ernsthaft dafür interessieren, was die Müller-Möhl Group wirklich tut, welchen Beitrag sie zum Beispiel als grösste Aktionärin bei Ascom in der anspruchsvollen Turnaround-Situation leistet, in der sich dieses Traditionsunternehmen nicht zuletzt wegen Fehlleistungen früherer Verantwortungsträger befindet. Für solche Gespräche nehme ich mir nicht nur gerne Zeit, ich finde sie notwendig und durchaus bereichernd. Und ich bin mir sehr wohl dessen bewusst, dass ich diese Gratwanderung nur dann erfolgreich überstehen kann, wenn ich in den Medien Partner und nicht Feinde sehe.

Das ist allerdings manchmal einfacher gesagt als getan. Bis heute habe ich mich nicht daran gewöhnt, dass auch mein Privatleben für Journalistinnen und Journalisten zugänglich sein soll. Und ich bin mir ehrlich gesagt auch nicht sicher, ob ich mich daran gewöhnen möchte. Und damit sind wir mitten in jener Diskussion, die seit dem Fall Ringier/Borer hier zu Lande mit grosser Intensität, aber auch hie und da mit einer gewissen Verlogenheit geführt wird. Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich heute zur Verteidigerin von Ringier in dieser Sache aufzuspielen. Hier sind Grenzen überschritten worden, die einfach nicht überschritten werden dürfen.Aber ganz so eindimensional, wie diese Debatte zum Teil geführt wird, liegen die Dinge wohl doch nicht. Aus meiner Erfahrung sind es häufig jene Menschen, die sich um Aufmerksamkeit seitens der Medien bemühen, die sich dann besonders lautstark wehren, wenn sie für einmal von einem Journalisten nicht besonders pfleglich behandelt werden. Allerdings kennen einzelne Medien auch kaum mehr Grenzen, wenn es darum geht, ihre Bedürfnisse durchzusetzen. Jeder, der schon einmal versucht hat, eine Interviewfrage aus – zumindest subjektiv – guten Gründen abzulehnen, weiss, wovon ich spreche.

Ich bin dafür, dass man für sich selber ganz klar deklariert, wo man die Grenze gezogen haben will. Ich habe das beispielsweise getan, nachdem ich mit meinem Freund in einem Zürcher Lokal diniert hatte und dies dem Blick einen grösseren Artikel wert war. Nein, wir haben an diesem Abend wirklich nur gegessen und uns, soweit ich das beurteilen kann, recht manierlich und zurückhaltend verhalten. Ich habe meinen Unwillen über diesen Artikel den Verantwortlichen sehr eindeutig ausgedrückt – und seither esse ich eigentlich immer ohne anschliessende Medienberichterstattung.

Und doch: Die Gratwanderung ist noch längst nicht abgeschlossen, weder für mich noch für andere in vergleichbarer Lage. Noch immer habe ich fast täglich mit Vorurteilen zu kämpfen, welche Medien über mich verbreiten. Vorurteile, ich gebe das gerne zu, die mich zunehmend beschäftigen. Da ist einmal das Vorurteil Frau. Machen Sie sich nichts vor, meine Herren, dieses Vorurteil gegenüber berufstätigen Frauen in leitenden Positionen ist in Ihren Redaktionen noch immer stärker verankert, als Sie dies wahrhaben wollen. Übertroffen wird dieses Vorurteil nur noch durch jenes gegenüber allein erziehenden Müttern, die berufstätig sind, weil sie dies müssen oder – noch schlimmer – weil sie dies wollen. Erst wenn diese Vorurteile wirklich beseitigt sind, kommen wir auf gesichertes Gelände und sind nicht mehr absturzbedroht. Für mich, aber wohl auch für Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, bleibt die trostreiche Binsenwahrheit, dass nichts so alt ist wie die Schlagzeile von gestern. Dazu ein Beispiel. Kurz nach dem Tod meines Mannes hiess es in grossen Lettern “Bankiers-Witwe erbt 674 Millionen Franken”. Diese Summe bezog sich übrigens auf unseren angeblichen Besitz an Ascom-Aktien, was unter anderem mit Blick auf die heutigen Börsenkurse einmal mehr beweist, wie vergänglich solche Schlagzeilen und solche Summen gleichermassen sein können. Einige Wochen später las ich, “Müller-Möhl-Witwe musste Lebenswerk ihres Mannes aufgeben”. Das war genau zu jener Zeit, als ich mich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern daran machte, das Geerbte auf eine sichere Basis zu stellen, Leverage-Positionen zurückzufahren und unseren unternehmerischen Einfluss auf die von uns gehaltene strategische Beteiligung auszubauen. Später war dann immerhin von der “tapferen Witwe” die Rede. Und vor einiger Zeit wurde mir bestätigt, dass ich täglich in mein Büro am Weinplatz gehe und meinen Blick über das Grossmünster, die Limmat bis zu den Glarner Alpen schweifen lasse. Der Umgang mit Fakten ist und bleibt für manche Medien schwierig. So schwankte mein Alter – um ein letztes, nicht besonders schwergewichtiges Beispiel zu nennen – bei den Veröffentlichungen über mich in den letzten Monaten zwischen 28 und 35 Jahren. Wir könne uns heute ja darauf einigen, dass wir für die nächsten Jahre bei 28 bleiben.

Dass Sie, meine Damen und Herren, mich eingeladen haben, den heutigen Tag mit Ihnen zu verbringen, nehme ich als gutes Zeichen dafür, bei meiner Gratwanderung in und mit den Medien irgendwann wenigstens ein Etappenziel zu erreichen. Ich danke Ihnen.

© Persönlich; Oktober 2002; Seite 60

© 2002 «Persönlich»